Achtsamkeit & Community

Sherry Turkle: Warum Chatbots keine Therapeuten und Freunde sein sollten

Die MIT-Soziologin warnt in ihrem neuen Buch Artificial Intimacy vor KI, die Beziehungen nachahmt, und nennt Folgen für Gesundheit und Versorgung.

By Alice DaviesPosted 30. September 2026

Die MIT-Soziologin Sherry Turkle warnt in ihrem neuen Buch Artificial Intimacy davor, Chatbots als Freund, Liebespartner oder Therapeuten zu nutzen. Chatbots sollten bei Beziehungen „in ihrer Spur bleiben“, KI sei dagegen ein bemerkenswertes Werkzeug, etwa gegen Krankheiten oder den Klimawandel. Die Zusammenfassung folgt einer Besprechung des Greater Good Science Center der Universität Berkeley (übersetzt); das Buch erscheint am 29. September 2026.

Turkles Kernthese: Menschen neigen dazu, Maschinen Gefühle und Empathie zuzuschreiben. Chatbots verstärken das, indem sie menschliche Sprache nachahmen. Als Beispiel nennt sie die Antwort eines Chatbots, er könne „persönliche Ratschläge auf Basis meiner eigenen Erfahrungen“ geben. Der übliche Hinweis, das Programm sei keine Person, werde vom Erlebnis selbst widerlegt. Außerdem seien Chatbots auf Schmeichelei programmiert, weil das Nutzer bindet. Studien deuteten darauf hin, dass der Umgang mit solchen Systemen Menschen weniger freundlich und hilfsbereit gegenüber anderen und abhängiger vom Chatbot mache.

Zur Einsamkeit verweist die Besprechung auf gemischte Befunde: Manche Studien sähen einen lindernden Effekt, neuere zeigten aber, dass dieser kurzlebig ist und die Betroffenen langfristig weniger Kontakt zu anderen haben. Laut Turkle war 2025 die am häufigsten genannte Nutzung von Chatbots Therapie und Begleitung, beides könnten sie nicht ersetzen. Chatbots hätten Jugendliche zu riskantem Verhalten ermuntert, in tragischen Fällen auch bei Suizidgedanken.

Für das Gesundheitswesen nennt die Besprechung eine Studie, wonach Patientinnen und Patienten KI-Diagnosen zu sehr vertrauen, obwohl sie fehleranfällig sind. In Arbeitskontexten ermöglichte KI effizienteres Arbeiten, ließ die Beschäftigten aber gelangweilter und weniger motiviert zurück. Eine Übersicht zum Einsatz in Schulen fand sowohl Vorteile, etwa personalisiertes Lernen und Unterstützung bei psychischer Gesundheit, als auch Nachteile wie digitale Erschöpfung und weniger direkte Kontakte. Kinder sollten nach Turkle keine KI-Begleiter haben, weil ihnen die Erfahrung fehle, einen Chatbot von einem Freund zu unterscheiden.

Eine Anleitung, die KI-Entwicklung zu bremsen, liefert das Buch nicht. Turkle fordert, Verantwortung für sich und die Kinder selbst zu übernehmen: „Wenn alle einsam sind, müssen wir Gemeinschaft neu erfinden.“ Das Buch ist eine Streitschrift; seine Thesen sind teils Meinung, nicht gesicherte Evidenz.

Einordnung: Für Anbieter von digitalen Gesprächsangeboten, Coaching- und Therapie-Apps ist Turkles Kritik ein Prüfstein: Bei Produkten, die Nähe simulieren, stehen Schmeichelei und Abhängigkeit im Widerspruch zum Versorgungsanspruch. Belastbare Belege für den Nutzen oder Schaden einzelner Anwendungen liefern nur Studien zu konkreten Produkten, nicht eine Streitschrift.

Alice Davies

Alice Davies

Achtsamkeit & Community

Alice Davies schreibt bei MIDO Health über Resort-Communities, Wellbeing und Achtsamkeit. Sie sucht nach praktischen Wegen, mit mehr Balance und Verbindung zu leben, im Klinikalltag wie außerhalb.

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