Helen C. Epstein, die zu Public Health lehrt und schreibt, versteht Suizid in ihrem Buch „Why Live: How Suicide Becomes an Epidemic“ (Columbia Global Reports, 2025) nicht nur als Folge schwerer psychischer Erkrankungen, sondern auch als soziales Phänomen. Die Suizidrate einzelner Gruppen könne innerhalb kurzer Zeit auf das Drei- bis Vierfache oder mehr steigen. Die Angaben stammen aus einem Essay der Autorin beim Greater Good Science Center und sind aus dem Englischen übersetzt.
Epstein nennt weltweit rund 800.000 Suizide pro Jahr. Schwere Depression, bipolare Störung und Schizophrenie seien unter den Betroffenen sehr häufig. Ihr Buch behandle jedoch nicht Prävention im klinischen Sinn, also etwa Psychotherapie, Waffenrestriktionen oder Sicherungen an Brücken, sondern die Frage, warum Menschen überhaupt sterben wollen.
Ihre Beispiele für solche Wellen: Zwischen den 1820er-Jahren und dem Ersten Weltkrieg hätten sich die Suizide in Belgien, Italien und Frankreich fast verdreifacht und in Österreich vervierfacht. Unter jungen Veteranen der Kriege im Irak und in Afghanistan sei die Rate 2014 etwa fünfmal so hoch gewesen wie bei gleichaltrigen Zivilisten. Bei Russen mittleren Alters habe sie sich nach dem Ende des Kommunismus Anfang der 1990er-Jahre verdoppelt, bei weißen Amerikanern der Arbeiterklasse nach Beginn der Deindustrialisierung in den 1970er-Jahren vervierfacht. Bei Inuit-Jugendlichen in der kanadischen Arktis sei sie von 1980 bis 2003 von nahezu null auf das Zehnfache der Rate der weißen Mehrheitsbevölkerung gestiegen.
Als Auslöser sieht Epstein den wahrgenommenen Bruch enger Beziehungen. Sie verweist auf den Psychologen Thomas Joiner, nach dessen Forschung Betroffene glauben, anderen eine Last zu sein. Eine Studie von 1999 habe bei rund 78 Prozent der Menschen mit hochletalen Suizidversuchen den kürzlichen Verlust einer engen Beziehung gefunden. Gesellschaftlich erklärt sie das mit dem Übergang von Gemeinschaft zu Gesellschaft im Sinne des Soziologen Ferdinand Tönnies, den bereits Émile Durkheim (1897) und Maurice Halbwachs (1930) beschrieben hätten.
Politisch empfiehlt sie, wirtschaftliche Gleichheit zu stärken, weil Menschen freundlicher seien, wenn sie sich nicht bedroht fühlten. Bei großen wirtschaftspolitischen Vorhaben wie Handelsabkommen oder Entwicklungsprojekten sollten die Folgen für Gemeinschaften geprüft werden, analog zu Umweltverträglichkeitsprüfungen unter Beteiligung der Betroffenen.
Service: Helen C. Epstein, „Why Live: How Suicide Becomes an Epidemic“, Columbia Global Reports, 2025, englischsprachig. Wenn Sie selbst oder jemand in Ihrem Umfeld an Suizid denkt: Die Telefonseelsorge ist in Deutschland kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar.
Einordnung: Epstein liefert eine These, keine Studie: Dass Suizidraten mit sozialem Wandel zusammenhängen, ist sozialwissenschaftlich gut beschrieben, ihre Kausalerklärung bleibt eine Deutung. Für Versorgungsplaner und Digital-Health-Anbieter folgt daraus vor allem, dass soziale Eingebundenheit ein Versorgungsthema ist; konkrete Instrumente nennt der Essay nicht.











