Europa wird nach Einschätzung von Palantirs UK- und Europachef Louis Mosley kurzfristig nicht ohne US-Technologie auskommen. Die Aussage trifft auf eine Debatte, die im Gesundheitswesen besonders sensibel ist: Dort müssen Leistungsfähigkeit, Datenschutz und die langfristige Kontrolle über kritische Systeme gleichzeitig gewährleistet werden.
Mosley argumentiert, technologische Souveränität dürfe nicht mit vollständiger Autarkie verwechselt werden. Entscheidend sei, ob Produkte unter realen Bedingungen funktionieren und Kunden die operative Kontrolle behalten. Der Manager verwies zudem auf Abhängigkeiten von China bei Hardware und Industriekomponenten; Europas Engpässe lägen daher nicht allein bei Software.
Für Gesundheitssysteme ist die Frage konkreter als eine industriepolitische Grundsatzdebatte. Palantir führt ein Konsortium an, das für NHS England die Federated Data Platform entwickelt. Der 2023 vergebene Vertrag hat ein Volumen von bis zu 330 Millionen Pfund über sieben Jahre. Die Plattform soll vorhandene Daten aus Kliniken und anderen NHS-Einheiten zusammenführen, damit Wartezeiten, Entlassungen, Personal und Bestände besser gesteuert werden können.
NHS England betont, dass die Plattform keine neue zentrale Patientendatenbank schafft und Palantir die Daten nicht für eigene Zwecke nutzen darf. Zugriffsrechte, Protokollierung und lokale Verantwortlichkeit sollen sicherstellen, dass die Kontrolle beim Gesundheitsdienst bleibt. Palantir verweist zugleich auf messbare Effekte seiner Werkzeuge, darunter bereinigte Wartelisten und weniger abgesagte Termine.
Die Kontroverse ist damit jedoch nicht beendet. Mehr als 20 NHS-Trusts haben Palantirs Werkzeuge zur Wartelistensteuerung wieder aufgegeben, wie eine aktuelle Analyse zeigt. Kritiker sehen neben Datenschutzrisiken vor allem die Gefahr eines Lock-ins: Ist ein Anbieter tief in Datenflüsse und Arbeitsabläufe eingebaut, können Wechsel technisch, organisatorisch und finanziell schwierig werden.
Die EU verfolgt deshalb einen breiteren Ansatz. Ihr 2026 vorgestelltes Paket zur technologischen Souveränität umfasst Halbleiter, KI, Cloud und Open Source. Für Cloud-Beschaffungen bewertet die Kommission inzwischen neben Datensicherheit auch Rechtsraum, Lieferkette, technologische Autonomie und die Möglichkeit, Abhängigkeiten zu begrenzen. Gerade bei Gesundheitsdaten reicht eine Speicherung in Europa allein nicht aus, wenn Betrieb, Wartung oder Weiterentwicklung an einen einzelnen Anbieter gebunden bleiben.
Einordnung
Mosleys Hinweis auf unvermeidbare Abhängigkeiten ist realistisch, aber kein Argument gegen europäische Alternativen. Für Kliniken und Behörden zählt deshalb ein überprüfbarer Ausstiegsplan: offene Schnittstellen, exportierbare Daten, dokumentierte Betriebsprozesse und Verträge, die einen Anbieterwechsel praktisch ermöglichen.
Digitale Souveränität im Gesundheitswesen bedeutet nicht, jede Technologie selbst zu bauen. Sie bedeutet, auch bei einem ausländischen Lieferanten jederzeit entscheiden zu können, wer sensible Daten verarbeitet, wie Systeme weiterbetrieben werden und zu welchen Kosten ein Wechsel möglich ist.











