Vier von fünf Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren kennen nach eigener Einschätzung jemanden, der von sozialen Medien abhängig ist. Das ist ein deutliches Warnsignal für den Alltag junger Menschen – aber keine Aussage darüber, wie viele tatsächlich eine Störung haben.
Für die repräsentative Jugend-Digitalstudie 2026 wurden im Juli 1.000 Jugendliche über ein Onlinepanel befragt. 82 Prozent der Mädchen und jungen Frauen sowie 78 Prozent der Jungen und jungen Männer berichteten von mutmaßlich Betroffenen in ihrem Umfeld.
Die Formulierung ist entscheidend: Erhoben wurde die Wahrnehmung von Gleichaltrigen, nicht eine Diagnose. Auffälliges Scrollen, ständige Erreichbarkeit oder lange Nutzungszeiten können belasten, belegen für sich aber keine Abhängigkeit. Fremdeinschätzungen können zudem von besonders sichtbaren Einzelfällen, Konflikten und einem unterschiedlichen Verständnis des Begriffs „Sucht“ geprägt sein.
Einen standardisiert erhobenen Vergleich bietet eine aktuelle deutsche Längsschnittstudie. In der Erhebungswelle von Herbst 2025 wurden 1.005 Familien mit Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren untersucht. Zum Einsatz kam der validierte SOMEDIS-A-Fragebogen, der Kriterien der ICD-11-Computerspielstörung auf soziale Medien überträgt.
6,6 Prozent erfüllten die Kriterien einer pathologischen Nutzung. Rechnet man riskante Nutzung hinzu, zeigte mehr als ein Viertel problematische Muster; hochgerechnet sind das über 1,4 Millionen Minderjährige in Deutschland. Bei den 14- bis 17-Jährigen trat pathologische Nutzung signifikant häufiger auf als bei den 10- bis 13-Jährigen. Einen signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern fand die Studie dagegen nicht.
Das widerspricht der Jugendbefragung nicht: Die eine erfasst Symptome mit einem standardisierten Instrument, die andere Beobachtungen im Freundeskreis. Auch Nutzungszeit allein genügt nicht zur Einordnung. Im Durchschnitt verbrachten die Befragten der Längsschnittstudie werktags 146 Minuten und am Wochenende 201 Minuten in sozialen Medien. Gesundheitlich relevant werden vor allem Kontrollverlust, der Vorrang der Nutzung vor anderen Aktivitäten und das Fortsetzen trotz spürbarer Nachteile – etwa Schlafproblemen, Leistungsabfall, Rückzug oder wiederkehrenden Familienkonflikten.
Die Jugendbefragung zeigt zugleich Handlungsfähigkeit: Mehr als die Hälfte hatte bereits Kanäle wegen aggressiver oder unwahrer Inhalte nicht mehr abonniert, etwas mehr als ein Drittel ein Profil deaktiviert. Solche Schritte helfen, ersetzen aber keine strukturelle Prävention. Familien brauchen Gesprächsroutinen ohne pauschale Verbote, Schulen belastbare Medienbildung und Plattformen mehr Verantwortung für Mechanismen wie Endlos-Scrollen, Autoplay und personalisierte Empfehlungen. Bei anhaltendem Kontrollverlust oder deutlichen Beeinträchtigungen sollten Kinder- und Jugendärzte oder Suchtberatungsstellen einbezogen werden.
Einordnung: Die 80-Prozent-Zahl beschreibt eine weit verbreitete Sorge, keine Prävalenz. Für Versorgung und Prävention sind standardisierte Symptome und konkrete Beeinträchtigungen entscheidender als Fremdurteile oder eine feste Minutengrenze.











