Digital Health

GKV lässt Milliardenrisiko durch Abrechnungsbetrug untersuchen

Eine kriminologische Studie soll bis 2029 das Dunkelfeld im deutschen Gesundheitswesen beziffern.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 22. Oktober 2026

Der GKV-Spitzenverband lässt erstmals systematisch untersuchen, wie groß das unentdeckte Ausmaß von Abrechnungsbetrug und Korruption im deutschen Gesundheitswesen ist. Die Studie startete am 1. Oktober 2026 und soll nach zweieinhalb Jahren Ergebnisse sowie Empfehlungen für Prävention und Strafverfolgung liefern. Erwartet wird der Abschluss im April 2029.

Mit der Untersuchung wurden nach einem europaweiten Vergabeverfahren die Rechtswissenschaftler Kai Bussmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Ralf Kölbel von der Ludwig-Maximilians-Universität München beauftragt. Der Verwaltungsrat des Kassenverbands hatte das Projekt bereits im Juni 2025 beschlossen, nachdem Forderungen nach einer staatlich finanzierten Studie über Jahre ohne Ergebnis geblieben waren.

Als Dunkelfeld bezeichnet die Kriminologie Straftaten, die Behörden oder anderen zuständigen Stellen nicht bekannt werden. Die bislang verfügbaren Zahlen bilden deshalb nur das sogenannte Hellfeld ab: Fälle, die entdeckt, gemeldet und beziffert wurden. Weder die Polizeiliche Kriminalstatistik noch die zusammengeführten Berichte der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen liefern derzeit ein vollständiges Bild des tatsächlichen Schadens.

Die Differenz zwischen bekannten Fällen und möglichen Gesamtverlusten ist erheblich. Nach Angaben des Verbands summierte sich der in der Polizeilichen Kriminalstatistik ausgewiesene Schaden durch Abrechnungsbetrug innerhalb von 20 Jahren auf 1,13 Milliarden Euro. Für 2020 und 2021 wiesen die Fehlverhaltensstellen der Kassen rund 132 Millionen Euro ermittelbaren Schaden aus; weniger als die Hälfte davon konnte zurückgeholt werden.

Diese Beträge dürfen nicht mit Schätzungen zum Dunkelfeld gleichgesetzt werden. Internationale Untersuchungen verorten mögliche Verluste durch Abrechnungsbetrug und Korruption bei fünf bis zehn Prozent der Gesundheitsausgaben. Auf deutsche Ausgaben übertragen ergäbe das einen zweistelligen Milliardenbetrag. Ob diese Quote auf das deutsche Versorgungssystem und seine Abrechnungswege übertragbar ist, soll gerade die neue Studie klären.

Seit 2004 müssen gesetzliche Kranken- und Pflegekassen eigene Stellen zur Bekämpfung von Fehlverhalten unterhalten. Sie prüfen Hinweise auf Unregelmäßigkeiten und rechtswidrige Mittelverwendung; bei einem relevanten Anfangsverdacht sollen sie die Staatsanwaltschaft einschalten. Als besonders komplex gelten unter anderem erfundene oder nicht erbrachte Leistungen, manipulierte Verordnungen und organisierte Abrechnungssysteme in der ambulanten Pflege.

Parallel fordert der GKV-Spitzenverband neue technische Befugnisse. Daten der Fehlverhaltensstellen sollen kassenübergreifend zusammengeführt und mit KI-gestützten Verfahren auf verdächtige Muster untersucht werden dürfen. Zudem wirbt der Verband für eine gemeinsame Betrugspräventionsdatenbank. Dafür wären gesetzliche Regeln zur Übermittlung und Verarbeitung personenbezogener Daten erforderlich; die laufende Studie schafft diese Befugnisse nicht selbst.

Einordnung

Die Untersuchung kann eine zentrale Datenlücke schließen und damit Investitionen in Kontrollen, Analytik und spezialisierte Ermittlungsstrukturen besser begründen. Bis 2029 bleibt die oft genannte Milliardensumme jedoch eine Hochrechnung und kein nachgewiesener Schaden; politische oder technische Maßnahmen sollten diese Unsicherheit transparent berücksichtigen.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

Unsere Kooperationspartner

Wir danken unseren Partnern für die freundliche Unterstützung

esanumHelloBetterHartmannbundHealth Captains ClubmedicasTechniker KrankenkasseAMBOSSMWV Medizinisch Wissenschaftliche VerlagsgesellschaftBKK ProVitaFelix MedicusesanumHelloBetterHartmannbundHealth Captains ClubmedicasTechniker KrankenkasseAMBOSSMWV Medizinisch Wissenschaftliche VerlagsgesellschaftBKK ProVitaFelix Medicus

Mindful Doctor Konferenz