Politik & Markt

Zytostatika-Ausschreibungen: Onkologen warnen vor Rückkehr gescheiterten Modells

Über Änderungsanträge zum Beitragssatzstabilisierungsgesetz sollen Kassen wieder Verträge mit einzelnen Apotheken schließen dürfen.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 2. Oktober 2026

Der Berufsverband der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO) warnt vor der geplanten Wiedereinführung von Zytostatika-Ausschreibungen. Zytostatika sind Wirkstoffe der Chemotherapie, die Apotheken individuell für einzelne Patienten zubereiten. Die Regierungsfraktionen im Bundestag wollen Ausschreibungen dafür über Änderungsanträge zum Beitragssatzstabilisierungsgesetz wieder möglich machen. Apothekerschaft und Pharmaindustrie teilen die Kritik.

Bislang ist die Zubereitung vom Zuweisungsverbot ausgenommen, das Ärzten verbietet, Verordnungen bestimmten Apotheken zuzuleiten. Praxen können deshalb mit einer herstellenden Apotheke ihrer Wahl zusammenarbeiten. Künftig sollen Krankenkassen zur Kostensenkung Verträge mit ausgewählten Apotheken schließen dürfen. Für Praxen hieße das: Je nach Krankenkasse der Patientin oder des Patienten müssten sie mit unterschiedlichen Apotheken arbeiten.

Das Modell gab es schon. Es wurde 2009 eingeführt, fand aber erst ab 2016 breite Anwendung und wurde 2017 aus Gründen der Versorgungssicherheit wieder abgeschafft. In einer gemeinsamen Stellungnahme für den Gesundheitsausschuss des Bundestags erinnern BNHO und die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) daran, dass einige Apotheken Medikamente damals nicht rechtzeitig liefern konnten und geplante Therapien teils ausfielen. Eine Erhebung des Wissenschaftlichen Instituts der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen aus dem Jahr 2016 erfasste bei Ausschreibungsapotheken im Schnitt 0,3 Fehlerereignisse pro Tag, bei den zuvor versorgenden Apotheken weniger als 0,05. Die Fälle reichten von falschen Beschriftungen bis zu Dosierungsfehlern.

Die Fachgesellschaften verweisen zudem auf den medizinischen Fortschritt seit 2017: Zytostatika werden häufig mit Immun-, zielgerichteten oder Antikörpertherapien kombiniert, manche Behandlungen umfassen zwei bis fünf Arzneimittel, einzelne sind minutengenau getaktet. Auch der Spareffekt sei fraglich, da teure Zubereitungen verworfen werden müssen, wenn sich eine Behandlung kurzfristig ändert oder eine Lieferung verspätet eintrifft. Wie stark solche Mehrkosten die erhoffte Ersparnis schmälern würden, sei unklar.

BPI-Hauptgeschäftsführer Kai Joachimsen nannte Zytostatika keine „Ware von der Stange“. Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands, Hans-Peter Hubmann, warnte, nur noch wenige Apotheken würden die Versorgung übernehmen; die Marktkonzentration gefährde spezialversorgende Apotheken.

Einordnung

Die Debatte zeigt den Zielkonflikt eines Spargesetzes: Einsparungen lassen sich einplanen, Versorgungsrisiken zeigen sich oft erst im Nachhinein. Ob und wie die Regelung in das Gesetz aufgenommen wird, entscheidet das parlamentarische Verfahren.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

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