Digital Health

Sturzrisiko im hohen Alter: Polypharmazie bleibt Warnsignal

Die Studie Gesundheit 65+ zeigt hohe Sturzraten bei Menschen ab 80 und unterstreicht die Bedeutung strukturierter Medikationsprüfungen.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 5. Oktober 2026

Bei Menschen ab 80 Jahren sind Stürze in Deutschland sehr häufig, und eine komplexe Medikation gehört zu den klinisch relevanten Warnsignalen. Das zeigt die Auswertung der Längsschnittstudie „Gesundheit 65+“, veröffentlicht im Bundesgesundheitsblatt (2026; DOI: 10.1007/s00103-026-04290-y). Laut dieser Auswertung sollte Polypharmazie jedoch nicht isoliert betrachtet werden: Entscheidend ist ein multifaktorieller Blick auf Medikation, Mobilität, Sehvermögen und weitere Risikofaktoren.

Gesundheit 65+ ist eine bundesweite epidemiologische Längsschnittstudie zum Gesundheitszustand von Menschen ab 65 Jahren. Laut Bundesgesundheitsblatt-Auswertung wurden die Teilnehmenden zwischen Juni 2021 und April 2023 im Verlauf eines Jahres mehrfach zu ihrer Gesundheit befragt. Längsschnitt bedeutet, dass dieselben Personen wiederholt untersucht werden, sodass sich Ereignisse wie Stürze im Zeitverlauf erfassen lassen.

Die Studie umfasste laut Bundesgesundheitsblatt insgesamt 3.694 Personen; für die aktuelle Analyse wurden 1.742 Teilnehmende ab 80 Jahren ausgewertet. Innerhalb des zwölfmonatigen Beobachtungszeitraums stürzten nach Angaben der Autorinnen und Autoren 46,7 Prozent mindestens einmal. Bereits vor Studienbeginn hatten laut derselben Quelle 38,1 Prozent einen Sturz innerhalb des vorausgegangenen Jahres angegeben.

Für die Medikamentenanalyse lagen laut Bundesgesundheitsblatt-Auswertung vollständige Daten von 742 Personen vor. Die Forschenden definierten Polypharmazie als die dauerhafte Einnahme von mindestens fünf Arzneimitteln. 48,7 Prozent erfüllten dieses Kriterium, 59,2 Prozent nahmen mindestens ein sogenanntes Fall-Risk-Increasing Drug, kurz FRID, ein – also ein Arzneimittel, das das Sturzrisiko erhöhen kann.

Wichtig für die Einordnung: In den adjustierten Modellen der Studie waren Harninkontinenz, Sehbeeinträchtigung und depressive Symptomatik signifikant mit einer höheren Sturzwahrscheinlichkeit verbunden. Polypharmazie und FRIDs zeigten zwar ebenfalls eine Assoziation, diese war nach statistischer Adjustierung jedoch nicht signifikant. Die Ergebnisse sprechen daher nicht für eine einfache Gleichung nach dem Muster „mehr Medikamente gleich mehr Stürze“.

Für Versorgung und Digital Health liegt der praktische Hebel in strukturierten Medikationsreviews. Die Autorinnen und Autoren der Bundesgesundheitsblatt-Studie nennen Screening-Instrumente wie STOPPFall als Möglichkeit, potenziell sturzfördernde Wirkstoffklassen gezielt zu identifizieren. Gleichzeitig verweisen sie in derselben Publikation darauf, dass das alleinige Absetzen solcher Medikamente in kontrollierten Studien die Sturzhäufigkeit nicht zuverlässig senkt.

Technologisch interessant sind deshalb Lösungen, die mehrere Datenpunkte zusammenführen: Arzneimittellisten, frühere Stürze, Mobilität, Sehbeeinträchtigungen, depressive Symptome und Wohnumfeld. Für Praxissoftware, klinische Entscheidungsunterstützung und geriatrische Versorgung entsteht hier ein klarer Anwendungsfall, sofern die Systeme nicht nur Warnhinweise produzieren, sondern in konkrete Prozesse eingebettet sind.

Einordnung

Die Studie verschiebt den Fokus von einzelnen Risikomedikamenten auf eine systematische Sturzprävention. Für Anbieter im Gesundheitsmarkt bedeutet das: Medikationsanalyse ist wichtig, ihr Nutzen entsteht aber vor allem in Verbindung mit funktioneller Diagnostik, Bewegung und Anpassungen des Lebensumfelds.

Zur Studie: „Stürze und Polypharmazie – Häufigkeiten und Ansatzpunkte für Prävention“, Bundesgesundheitsblatt, online veröffentlicht am 14. August 2026, DOI: 10.1007/s00103-026-04290-y. Datengrundlage: Studie Gesundheit 65+, Erhebung Juni 2021 bis April 2023. Das Deutsche Ärzteblatt berichtete am 5. Oktober 2026 über die Ergebnisse.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

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