In den USA stieg die Zahl der Verordnungen von GLP-1-Rezeptoragonisten für Kinder im Alter von 8 bis 11 Jahren mit Adipositas seit 2019 auf das 310-Fache. Dennoch erhielten unter mehr als 3,5 Millionen betroffenen Kindern nur 0,6 Prozent ein solches Präparat. Das berichtet Babak Orandi, Transplantationschirurg und Adipositasmediziner an der NYU Langone, in einem Meinungsbeitrag zu einer eigenen Studie. (Aus dem Englischen übersetzt und zusammengefasst.)
Zahlen aus der Studie
GLP-1-Rezeptoragonisten sind Wirkstoffe, die hormonelle Sättigungssignale nachahmen und zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden. In den USA sind mehrere Präparate dieser Klasse für Jugendliche ab 12 Jahren gegen Adipositas zugelassen, für jüngere Kinder derzeit keines. Orandi zufolge hatten 94 Prozent der Kinder mit Verordnung eine schwere Adipositas und bereits Folgeerkrankungen wie Schlafapnoe, Prädiabetes, Bluthochdruck, eine stoffwechselassoziierte Fettleber oder erhöhte Blutfette. Die Kinderärzte setzten die Mittel demnach gezielt bei den am stärksten gefährdeten Kindern ein.
Der Autor verweist auf Langzeitfolgen: Jugendliche mit schwerer Adipositas entwickeln im jungen Erwachsenenalter bis zu neunmal häufiger eine chronische Nierenerkrankung, auch ohne Diabetes oder Bluthochdruck. Eine Fettlebererkrankung im Kindesalter erhöhe das Sterberisiko um das 40-Fache und sei die am schnellsten wachsende Ursache für Lebertransplantationen bei jungen Erwachsenen. In den USA haben nach seinen Angaben 20 Prozent der Kinder Adipositas.
Eine Zulassung hätte zwei Seiten
Eine Zulassung für jüngere Kinder könnte den Versicherungsschutz erweitern und die in der Studie gefundenen Unterschiede im Zugang verringern. Orandi räumt aber ein, dass sie auch eine großzügigere Verordnung bei milderen Fällen begünstigen könnte. Das sei ohne Langzeitdaten zu Wachstum und Pubertät nicht gerechtfertigt.
Er wendet sich gegen die Alternative „Ernährungsumfeld verbessern oder Kinder behandeln“. Für beides sei Platz: Drei Maßnahmen – eine Steuer auf gezuckerte Getränke, das Ende der Steuerabsetzbarkeit von Werbung für ungesunde Lebensmittel an Kinder und bessere Schulverpflegung – würden nach Projektionen mehr Gesundheitskosten einsparen, als ihre Umsetzung kostet.
Einordnung
Der Beitrag ist ein Plädoyer, keine unabhängige Prüfung; die Studie des Autors wird hier nur aus seiner Darstellung zitiert, und zu Langzeitsicherheit bei Kindern liegen laut ihm keine belastbaren Daten vor. Für den Markt zeigt sich eine wachsende Nachfrage in einer Altersgruppe ohne Zulassung, was Erstattungsfragen und das Interesse an Begleitprogrammen wie digitalen Therapie- und Monitoring-Angeboten erhöhen dürfte. Für Kliniken und Kostenträger bleibt entscheidend, ob die Verordnung auf Hochrisikokinder begrenzt bleibt.











