Ein neuer Film über die letzten Wochen vor Elizabeth Holmes’ Haftantritt bringt Theranos zurück in die öffentliche Debatte. Für die Diagnostikbranche war der Fall nie abgeschlossen: Unternehmen entwickeln weiterhin Bluttests mit kleinen Proben, müssen ihren Marktzugang aber mit regulatorischen Daten, klar begrenzten Leistungsversprechen und reproduzierbaren Ergebnissen verdienen.
Theranos hatte behauptet, mit wenigen Tropfen Kapillarblut aus dem Finger Hunderte Tests durchführen zu können. Hinter den Kulissen wurden Proben teils verdünnt und auf herkömmlichen Laborgeräten analysiert. Holmes wurde wegen Betrugs an Investoren zu 135 Monaten Haft verurteilt; sie trat ihre Strafe 2023 an. Der Fall beschädigte nicht nur ein Unternehmen, sondern das Vertrauen in eine ganze Technologieklasse.
Die technische Hürde bleibt real. Kapillarblut kann beim Ausdrücken des Fingers durch Gewebeflüssigkeit verunreinigt werden; zudem können Blutzellen platzen und Messwerte verfälschen. Bei häufig vorkommenden Stoffen wie Glukose reicht ein sehr kleines Volumen eher aus. Seltene Biomarker können in wenigen Mikrolitern dagegen unter die Nachweisgrenze fallen. Ein universelles Mini-Labor ist deshalb etwas anderes als ein klar definiertes Testmenü.
Wie ein evidenzbasierter Neustart aussieht, zeigt Truvian Health aus San Diego. Das Tischgerät TruVerus kombiniert mehrere Messverfahren. Ende 2025 erhielt die Plattform ihre erste US-Zulassung nach dem 510(k)-Verfahren; im Januar 2026 folgten weitere Freigaben. Das Unternehmen bezifferte sein zugelassenes Menü anschließend auf 26 Messgrößen, darunter ein vollständiges Blutbild sowie Tests für Herz-Kreislauf-, Leber- und Stoffwechselparameter. Seit Oktober 2026 arbeitet Truvian mit Siemens Healthineers an Entwicklung, Fertigung und möglichen Vermarktungswegen.
Babson Diagnostics aus Austin wählt einen anderen Ansatz. Der Dienst BetterWay standardisiert die Entnahme einer erbsengroßen Blutmenge aus der Fingerkuppe durch geschultes Personal. Er verspricht kein Allzweckgerät für Verbraucher, sondern verbindet ein eigenes Entnahmesystem mit etablierten Laborprozessen. In Austin ist das Angebot an mehr als 20 Standorten verfügbar; einzelne Tests beginnen bei 15 US-Dollar.
Für Investoren und Klinikmanager verschiebt sich damit die zentrale Frage. Entscheidend ist nicht, ob ein Start-up mit wenig Blut auskommt, sondern für welche Messgrößen, mit welcher Präzision, in welchem Versorgungspfad und unter welcher Zulassung. Partnerschaften mit etablierten Diagnostikanbietern können Skalierung und Qualitätssysteme stärken, ersetzen aber keine veröffentlichten Leistungsdaten.
Einordnung
Theranos hat die Idee dezentraler Blutdiagnostik nicht widerlegt, wohl aber das Geschäftsmodell der Geheimhaltung. Marktchancen entstehen dort, wo Anbieter ihr Testmenü begrenzen, regulatorische Prüfung früh einplanen und Nutzen gegenüber dem Zentrallabor belegen. Der Engpass ist nicht die Vision, sondern Vertrauen durch überprüfbare Evidenz.











