Das kalifornische Biotech-Startup Radical Numerics meldet den nach eigenen Angaben weltweit ersten Einsatz KI-designter Bakteriophagen bei einem Menschen. Ein individuell entwickelter Phagencocktail sei im Rahmen eines ärztlich geführten Compassionate Use gegen eine antibiotikaresistente bakterielle Infektion verabreicht worden. Unabhängig überprüfbare Angaben zum Patienten, zur Klinik, zum Behandlungsverlauf oder zum Ergebnis fehlen jedoch.
Bakteriophagen sind Viren, die bestimmte Bakterien infizieren und zerstören, menschliche Zellen aber nicht als Wirte nutzen. Ihre hohe Spezifität macht sie für resistente Infektionen interessant, erschwert zugleich jedoch die Behandlung: Für den jeweiligen Bakterienstamm muss ein passender Phage gefunden oder entwickelt werden. In den meisten westlichen Ländern sind Phagentherapien nicht regulär zugelassen und werden vor allem in klinischen Studien oder als individueller Heilversuch eingesetzt.
Radical Numerics nutzt dafür das Genom-Sprachmodell Omnii-1. Anders als die Bezeichnung „KI-generierter Phage“ nahelegen könnte, erzeugte das Modell in den beschriebenen Experimenten nicht das gesamte Erbgut neu. Ausgangspunkt war der gut erforschte E.-coli-Phage T7 mit rund 40.000 DNA-Bausteinen. Verändert wurde ein ausgewählter Bereich des Gens für das Schwanzfaserprotein gp17, das bei der Erkennung bakterieller Zellen eine wichtige Rolle spielt.
Die vom Modell vorgeschlagenen Varianten wurden anschließend synthetisiert und im Labor getestet. Bei 11 bis 15 Aminosäureänderungen konnten 69,9 Prozent der KI-Designs als Phagen wiederhergestellt werden, gegenüber 4,8 Prozent zufällig erzeugter Kontrollen. Von 6.694 Varianten mit messbarer Aktivität übertrafen 2.161 den natürlichen Ausgangstyp. Bei einem schwierigen Bakterienstamm lagen 24 Prozent der 100 am höchsten bewerteten Kandidaten oberhalb der Aktivitätsschwelle; in der gesamten getesteten Bibliothek waren es 4,5 Prozent.
Für den behandelten Menschen berichtet das Unternehmen lediglich, dass ein Cocktail mit Omnii-1-Varianten das isolierte resistente Bakterium zuvor in der Kulturschale beseitigt habe. Welche Erregerdiagnose vorlag, wie der Cocktail zusammengesetzt war, welche Dosis und Verabreichungsform verwendet wurden und welche Behörde den Heilversuch genehmigte, bleibt offen. Der Bericht ist weder begutachtet noch in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht. Auch Sicherheit und Wirksamkeit lassen sich aus einem einzelnen Fall grundsätzlich nicht ableiten.
Radical Numerics wurde von Eric Nguyen, Michael Poli, Stefano Massaroli und Armin Thomas gegründet. Das Unternehmen nahm im Juni 2026 eine Seed-Finanzierung über 50 Millionen US-Dollar auf, angeführt von Emergence Capital. An der Runde beteiligten sich Obvious Ventures, Triatomic Capital, Factory und First Spark Ventures. Das Kapital soll biologische KI für Arzneimitteldesign und Biosicherheit finanzieren.
Für Kliniken liegt der mögliche Nutzen in einem schnelleren Auswahl- und Entwicklungsprozess für personalisierte Phagen. Vor einer breiten Versorgung stehen jedoch aufwendige Labortests, patientenspezifische Herstellung, Qualitätskontrolle und regulatorische Freigaben. Zudem können Bakterien auch gegen Phagen Resistenzen entwickeln, weshalb häufig mehrere Phagen kombiniert werden.
Einordnung: Der Schritt zeigt, dass KI-gestütztes Genomdesign die Schwelle vom Labor zur individuellen Anwendung erreicht haben könnte. Ohne klinische Daten und unabhängige Prüfung bleibt der behauptete Weltersteinsatz jedoch ein Unternehmensbericht – kein Wirksamkeitsnachweis und noch kein belastbares Geschäftsmodell für die Regelversorgung.











