Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, handeln nach Ansicht der Soziologin Jennifer Reich oft nicht unwissenschaftlich, sondern nach einer eigenen Logik: Sie fragen, ob die Impfung ihrem Kind nützt, nicht, was sie für andere bewirkt. Das sagte Reich, Professorin an der University of Colorado Denver, in einem Interview mit der Branchenzeitung STAT, das am 29. September 2026 erschien (aus dem Englischen übersetzt). Der Anlass ist ein aktueller Masernausbruch in Pennsylvania.
Reich erforscht Impfentscheidungen von Eltern seit rund zwei Jahrzehnten und hat dazu 2016 das Buch Calling the Shots veröffentlicht (New York University Press). Sie ist nach eigener Darstellung nicht impfkritisch; ihre Kinder wurden nach dem Impfplan der US-Seuchenschutzbehörde CDC geimpft. Ihre Beobachtung: Eltern sollen heute in allen Lebensbereichen informierte Verbraucher sein. Die Wellness-Kultur vermittle zudem, man könne Krankheiten durch persönliche Entscheidungen vorbeugen. Manche Eltern glaubten daher, ihr Kind gegen eine Infektion wappnen zu können.
Ein Beispiel aus ihren Gesprächen: Eine Mutter akzeptierte die Daten zur Rötelnimpfung, sah sie aber für ihren Sohn als nicht relevant an, da er nie schwanger sein werde. Dass er in einer Gemeinschaft mit Schwangeren lebe, bleibe dabei außen vor. Bevölkerungsdaten, so Reich, ließen sich für viele Eltern nicht auf den Einzelfall übertragen.
Entfremdung im Versorgungsalltag
Für Kliniken und Praxen ist ein weiterer Befund relevant. Viele Mütter in ihren Studien hätten Impfungen zunächst unterstützt und dann negative Erfahrungen gemacht, etwa bei Geburt oder Schwangerenvorsorge, oder weil Kinderärzte für ein ausführliches Gespräch zu wenig Zeit hatten. Sie hätten sich vom System entfremdet gefühlt und Rückhalt in impfkritischen Müttergruppen, bei alternativen Behandlern oder in Online-Gemeinschaften gesucht. Reich verweist darauf, dass Termine kürzer geworden seien; ein Kinderarzttermin dauere im Schnitt etwa 11 bis 16 Minuten. Diese Zahl nennt sie im Interview ohne Quelle, wir haben sie nicht geprüft.
Aus ihrer Sicht sollten Fachleute die Sorgen der Eltern ernst nehmen und dort ansetzen, wo diese stehen, statt alles als Fehlinformation abzutun. Reich räumt ein, dass es Falschinformation gibt, aber auch viele widersprüchliche offizielle Angaben. Zudem sei Impfen eine der wenigen Maßnahmen, bei denen Eltern aufgefordert würden, genau das zu tun, was ihnen gesagt wird, während man sie sonst zu eigener Recherche anhalte.
Einordnung
Reichs Analyse stützt sich auf Interviews und ist keine Wirkungsstudie; ob mehr Gesprächszeit Impfquoten erhöht, belegt sie nicht. Sie zeigt aber, dass Kommunikation und Vertrauen im Praxisalltag ein Versorgungsthema sind. Für Klinikmanager und Anbieter von Patientenkommunikation ist das ein Hinweis darauf, wo Zeit und Aufklärung fehlen.











