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Sexuelle Luststörung bleibt in der Gynäkologie häufig unerkannt

Fachleute fordern, vermindertes sexuelles Verlangen systematisch anzusprechen und nur bei persönlichem Leidensdruck als Störung zu behandeln.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 30. Oktober 2026

Vermindertes sexuelles Verlangen gehört zu den häufigsten sexuellen Problemen von Frauen, bleibt in gynäkologischen Sprechstunden aber oft unerkannt. Entscheidend ist die Abgrenzung: Wenig Lust ist nicht automatisch eine Erkrankung. Behandlungsbedarf entsteht erst, wenn die Frau selbst darunter leidet und andere Ursachen sorgfältig geprüft wurden.

Auf dem 66. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, der vom 21. bis 24. Oktober 2026 in München stattfand, diskutierten Fachleute deshalb vor allem die Gesprächsführung. Viele Patientinnen sprechen das Thema aus Scham, Unsicherheit oder der Annahme, es gehöre nicht in die Sprechstunde, nicht von selbst an. Gleichzeitig fragen Ärztinnen und Ärzte häufig nicht aktiv danach.

Für die Basisdiagnostik ist keine sexualmedizinische Zusatzqualifikation nötig. Eine offene, wertfreie Frage kann den Einstieg schaffen. Danach sollte eine biopsychosoziale Anamnese folgen: Beziehungssituation, Stress, psychische Gesundheit, Schmerzen, hormonelle Veränderungen, chronische Erkrankungen und frühere belastende Erfahrungen können ebenso relevant sein wie Medikamente. Dazu zählen unter anderem bestimmte Antidepressiva. Ein einzelner Hormonwert erklärt vermindertes Verlangen dagegen meist nicht.

Die Therapie richtet sich nach dem Befund und nicht nach einem pauschalen Lust-Normalwert. Mögliche Schritte reichen von Information und Anpassung auslösender Medikamente über die Behandlung von Schmerzen oder vaginaler Trockenheit bis zu psychotherapeutischen, sexualtherapeutischen oder paarbezogenen Angeboten. Die 2026 aktualisierte deutsche Menopause-Leitlinie lässt Testosteron bei postmenopausalen Frauen mit diagnostizierter Hypoactive Sexual Desire Disorder, kurz HSDD, in physiologischer Dosierung als Option zu. Vorher sollen andere beitragende Faktoren differenziert untersucht und behandelt werden.

Für Praxen entsteht daraus ein Prozessproblem. Sexualanamnese benötigt Zeit, geschützte Gesprächsbedingungen und sichere Weitervermittlung. Digitale Fragebögen vor dem Termin könnten die Schwelle zur Offenlegung senken und strukturierte Angaben liefern. Sie ersetzen das Gespräch nicht, können aber relevante Symptome markieren und den knappen Termin fokussieren. Wegen der besonderen Sensibilität sexueller und psychischer Angaben sind Datensparsamkeit, klare Einwilligung und eine getrennte, sichere Speicherung zentral.

Für Digital-Health-Anbieter liegt hier ein bislang wenig standardisierter Versorgungsbereich. Gefragt sind keine direkten Diagnoseautomaten, sondern validierte Screening- und Dokumentationsmodule, verständliche Patientinneninformationen sowie Schnittstellen zu qualifizierten Beratungsangeboten. Entscheidend ist, dass Systeme nicht aus einer niedrigen Lust automatisch eine Krankheit ableiten oder Frauen mit normativen Erwartungen unter Druck setzen.

Einordnung

Die größte Versorgungslücke liegt weniger bei einer neuen Therapie als beim ersten Gespräch. Wer systematisch, respektvoll und ohne Vorannahmen fragt, kann behandelbare Ursachen erkennen und unnötige Pathologisierung vermeiden. Digitale Werkzeuge sind dann sinnvoll, wenn sie dieses Gespräch vorbereiten und nicht ersetzen.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

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