Sentara Health setzt ein gemeinsam mit dem Health-Tech-Unternehmen Regard entwickeltes KI-Werkzeug für das klinische Fallmanagement ein. Die Software durchsucht elektronische Patientenakten, beantwortet Fragen in natürlicher Sprache und zeigt Veränderungen seit dem Vortag. Ziel ist, Entlassungsplanung und Versorgungsübergänge früher vorzubereiten, ohne die Entscheidung des Fallmanagementteams zu ersetzen.
Das gemeinnützige Gesundheitssystem betreibt zwölf Krankenhäuser und mehr als 400 Versorgungsstandorte in Virginia und im Nordosten von North Carolina. Vor der Auswahl prüfte Sentara nach eigenen Angaben mehr als 100 KI-Technologien für das Akut-Fallmanagement. Regard war bereits in ärztlichen Abläufen zur diagnostischen Unterstützung und Dokumentation im Einsatz. Beide Partner passten die Plattform anschließend an die Aufgaben der Fallmanager an.
Das System soll Patientenhistorie, Statusänderungen, Screenings und weitere Angaben aus umfangreichen Akten schneller auffindbar machen. Fallmanager können zudem abfragen, was sich innerhalb der vergangenen 24 Stunden geändert hat. Diese Zusammenfassung fließt in tägliche medizinische Entlassungsrunden ein. Besonders an Wochenenden ist die Belastung hoch: Nach Unternehmensangaben kann ein Fallmanager dann für mehr als 100 Patienten zuständig sein.
Sentara will die Lösung über die Akutversorgung hinaus auch im ambulanten Bereich einsetzen. Bei einer solchen Ausweitung könnten nach eigener Schätzung knapp 90.000 Arbeitsstunden eingespart werden. Das entspräche rechnerisch mehr als 40 Vollzeitstellen und fast fünf Millionen Dollar Personalkosten. Bislang sind das Prognosen; eine öffentlich nachvollziehbare Berechnung, ein Zeitraum und gemessene Ergebnisse des neuen Fallmanagementprodukts wurden nicht vorgelegt.
Die Partnerschaft reicht bis zu einem Pilotprojekt aus dem Jahr 2022 zurück. 2023 wurde Regards damalige Lösung für diagnostische Unterstützung und Dokumentation auf alle zwölf Sentara-Krankenhäuser erweitert. Eine spätere Fallstudie des Anbieters nennt bei Krankenhausärzten 74 Prozent freiwillige Nutzung, eine um 17 Prozent höhere Erfassung abrechnungsrelevanter Begleiterkrankungen und einen bis zu vierfachen Return on Investment je Nutzer. Diese Kennzahlen stammen aus der bestehenden Dokumentationsanwendung und dürfen nicht als Wirksamkeitsnachweis für das neue Fallmanagementwerkzeug gelesen werden.
Regard analysiert strukturierte und unstrukturierte Daten in der elektronischen Akte und verknüpft Hinweise mit klinischen Belegen. Das Unternehmen meldet, seine Plattform habe inzwischen mehr als 20 Millionen von Ärzten akzeptierte Diagnosen angezeigt. Die Ausweitung ins Fallmanagement verschiebt den Schwerpunkt von der Diagnose- und Dokumentationshilfe zu operativen Abläufen: Welche Informationen fehlen, was hat sich verändert und welche nächsten Schritte müssen für einen sicheren Übergang vorbereitet werden?
Einordnung
Der relevante Test ist nicht die Geschwindigkeit der Suche allein, sondern ob Entlassungen sicherer werden, Verweildauern und Wiederaufnahmen sinken und Teams tatsächlich Zeit gewinnen. Sentara sollte deshalb vor dem breiten Rollout Ausgangswerte, Nutzungsdaten, Fehlerquoten und patientenbezogene Ergebnisse offenlegen. Erst dann lässt sich beurteilen, ob die Hochrechnung von 90.000 Stunden tragfähig ist.











