Das US-Unternehmen Lirio meldet für ein Impfprogramm mit mehreren Millionen Menschen eine Impfquote von 40 Prozent. Personalisierte Nachrichten hätten die Impfbereitschaft gegenüber Standardmitteilungen eines großen Apothekennetzes um mehr als 20 Prozent erhöht und zugleich die Abmelderate deutlich gesenkt. Die Ergebnisse stammen allerdings aus einer Unternehmensmitteilung; zentrale Angaben zur Methodik fehlen.
Das Programm umfasste Impfungen gegen Influenza, COVID-19, das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), Pneumokokken und Gürtelrose. Dafür kombinierte Lirio verhaltenswissenschaftlich entwickelte Botschaften mit einer KI-gestützten Auswahl von Inhalt, Zeitpunkt und Häufigkeit. Nach Angaben des Unternehmens bewertete das System individuelle Signale, um abzuschätzen, ob eine Person wahrscheinlich handeln oder sich von weiteren Nachrichten abmelden würde.
Inhaltlich setzte die Ansprache unter anderem auf die Entscheidungsfreiheit der Empfänger. Fast die Hälfte der später Geimpften habe bereits nach zwei sogenannten Nudges reagiert. Nudge bezeichnet einen Entscheidungsimpuls, der Verhalten beeinflussen soll, ohne Wahlmöglichkeiten zu verbieten. Die Abmelderate sei gegenüber der Standardkommunikation um 62 Prozent zurückgegangen.
Für die wirtschaftliche Bewertung ist die Formulierung des Impfeffekts wichtig: Lirio spricht von einer Steigerung um mehr als 20 Prozent, nicht von 20 Prozentpunkten. Das Unternehmen nennt weder die genaue Impfquote der Vergleichsgruppe noch absolute Gruppengrößen, Beobachtungszeitraum oder statistische Unsicherheit. Auch der beteiligte Apothekenbetreiber bleibt ungenannt.
Unklar ist zudem, wie die Gruppen gebildet wurden und ob eine Randomisierung stattfand. Ohne diese Informationen lässt sich nicht ausschließen, dass Unterschiede in Alter, Vorerkrankungen, früherem Impfverhalten oder Erreichbarkeit einen Teil des Effekts erklären. Lirio führt zwar mehrere Fachveröffentlichungen seiner Forschenden zu digitaler Verhaltensänderung und Impfkommunikation auf. Eine begutachtete Publikation mit den Ergebnissen dieses konkreten Programms liegt bislang jedoch nicht vor.
Das in Knoxville ansässige Unternehmen vermarktet seine Plattform an Gesundheitssysteme, Versicherer, Pharmaunternehmen und Apothekenketten. Nach eigenen Angaben wurden bislang mehr als 400 Millionen Menschen mit personalisierten Impulsen erreicht. Neben Impfungen adressiert Lirio unter anderem Mammografie-Termine und Arzneimitteladhärenz.
Produktzugang: Precision Nudging ist ein Geschäftskundenangebot und keine App, die Patienten direkt buchen können. Öffentliche Preise nennt Lirio nicht; Implementierung und Vergütung werden mit den jeweiligen Gesundheitsorganisationen vereinbart.
Einordnung
Der Fall zeigt, warum personalisierte Kommunikation für Apotheken und Versorger wirtschaftlich interessant ist: Schon kleine Verbesserungen können bei Millionen Kontakten zusätzliche Impfungen auslösen und unnötige Nachrichten reduzieren. Für eine belastbare Kauf- oder Versorgungsentscheidung braucht es jedoch ein transparentes Studiendesign, absolute Vergleichswerte und idealerweise eine unabhängige Auswertung.











