Digital Health

Hausarztverträge gewinnen 270.000 Versicherte in einem Quartal

Das Wachstum stärkt die Position der HzV in der Debatte um ein bundesweites Primärversorgungssystem

By Dr. med. Alvar MollikPosted 28. Oktober 2026

Die hausarztzentrierte Versorgung wächst weiter: Im dritten Quartal 2026 kamen in den Vollversorgungsverträgen rund 270.000 Versicherte hinzu. Das entspricht einem Plus von 3,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Einschließlich ergänzender Add-on-Verträge nehmen bundesweit inzwischen knapp zwölf Millionen Menschen an HzV-Modellen teil.

In der hausarztzentrierten Versorgung wählen Versicherte freiwillig eine feste Hausarztpraxis als erste Anlaufstelle. Diese koordiniert Diagnostik, Therapie und Überweisungen. Augen- und frauenärztliche Behandlungen sowie vertraglich geregelte Ausnahmen können weiterhin direkt in Anspruch genommen werden. Gesetzliche Krankenkassen müssen ihren Versicherten eine HzV anbieten.

Die aktuelle Verbandsstatistik unterscheidet zwei Vertragsformen. Bei Vollversorgungsverträgen werden die vertraglich erfassten hausärztlichen Leistungen außerhalb des Systems der Kassenärztlichen Vereinigungen direkt über die Hausärztliche Vertragsgemeinschaft abgerechnet. Add-on-Verträge ergänzen dagegen die reguläre KV-Abrechnung um zusätzliche Leistungen. Die knapp zwölf Millionen Teilnehmenden beider Modelle sind daher nicht mit der Zahl der Vollversicherten gleichzusetzen.

Innerhalb von zwölf Monaten stieg die Teilnehmerzahl der Vollversorgungsverträge um fast 800.000 oder 9,5 Prozent. Im Durchschnitt kamen nach Verbandsangaben zuletzt mehr als 20.000 Einschreibungen pro Woche hinzu. Die Quote ordentlicher Kündigungen habe bei lediglich 0,2 Prozent gelegen. Da die Angaben aus der Vertragsverwaltung des Verbandes stammen, sind sie zunächst als Anbieterstatistik einzuordnen.

Für die Versorgungswirkung liegen vor allem Daten aus Baden-Württemberg vor. Dort zeigten Auswertungen für 2022 gegenüber der Regelversorgung 1,36 Millionen weniger unkoordinierte Facharztkontakte und rechnerisch 24.653 vermiedene Krankenhausaufnahmen. Zugleich gab es mehr hausärztliche Kontakte. Die Ergebnisse sprechen für bessere Koordination, lassen sich wegen regionaler Vertrags- und Versorgungsstrukturen aber nicht automatisch auf alle Bundesländer übertragen.

Politisch fällt das Wachstum in eine entscheidende Phase. Die Bundesregierung bereitet ein Primärversorgungssystem vor, in dessen Zentrum Hausarztpraxen, die 116117 und digitale Zugangskanäle stehen sollen. Ein Referentenentwurf wurde für Ende November 2026 angekündigt; erste Auswirkungen gelten frühestens ab 2028 als realistisch.

Die digitale Infrastruktur wird bereits vorbereitet. Geplant sind eine elektronische Überweisung, eine digitale Ersteinschätzung und Terminvermittlung über die ePA-App. Für Praxissoftwareanbieter und Abrechnungsdienstleister entsteht damit ein Integrationsmarkt: HzV-Vertragslogik, Überweisungen, Terminsteuerung und Dokumentation müssen ohne zusätzliche Medienbrüche zusammenspielen.

Einordnung: Die HzV hat eine relevante Größe erreicht und liefert erprobte Strukturen für koordinierte Versorgung. Ob sie zum Fundament des neuen Primärversorgungssystems wird oder parallel dazu bestehen muss, entscheidet sich jedoch erst mit dem konkreten Gesetzentwurf und seiner Vergütungslogik.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

Unsere Kooperationspartner

Wir danken unseren Partnern für die freundliche Unterstützung

esanumHelloBetterHartmannbundHealth Captains ClubmedicasTechniker KrankenkasseAMBOSSMWV Medizinisch Wissenschaftliche VerlagsgesellschaftBKK ProVitaFelix MedicusesanumHelloBetterHartmannbundHealth Captains ClubmedicasTechniker KrankenkasseAMBOSSMWV Medizinisch Wissenschaftliche VerlagsgesellschaftBKK ProVitaFelix Medicus

Mindful Doctor Konferenz