Forschung

Schieloperationen bei Erwachsenen sind meist funktionell motiviert

Eine multizentrische Studie zeigt: Angestrengtes Sehen und Doppelbilder wiegen häufiger als das Erscheinungsbild

By Dr. med. Alvar MollikPosted 28. Oktober 2026

Erwachsene entscheiden sich überwiegend wegen funktioneller Beschwerden für eine Schieloperation. In einer multizentrischen Studie nannten 26,0 Prozent angestrengtes Sehen als wichtigsten Grund, 23,8 Prozent Doppelbilder und 22,7 Prozent das äußere Erscheinungsbild. Die Ergebnisse sprechen gegen die verbreitete Verkürzung auf einen kosmetischen Eingriff.

Die laufende QUALITAS-Studie untersucht Lebensqualität und subjektive Belastungen rund um Strabismusoperationen im Erwachsenenalter. Für die aktuelle Auswertung wurden die Angaben der ersten 202 aufgenommenen Patientinnen und Patienten aus mehreren deutschen Universitätsaugenkliniken analysiert. 93 Teilnehmende, entsprechend 46,0 Prozent, waren männlich. Das mittlere Alter zum Zeitpunkt der Operation lag bei 46 Jahren, die Spannweite reichte von 18 bis 89 Jahren.

Die Krankheitsbilder waren heterogen. Am häufigsten lag eine Heterophorie vor, also eine meist latent gehaltene Fehlstellung der Augen, die bei nachlassender Kompensation Beschwerden auslösen kann. Sie betraf 69 Personen oder 34,2 Prozent. Es folgten konsekutiver Strabismus nach früherer Schielbehandlung mit 17,3 Prozent und intermittierendes Außenschielen mit 15,3 Prozent.

Bei Heterophorie wurden Doppelbilder besonders häufig als wichtigstes Motiv genannt: 62,7 Prozent der entsprechenden Angaben entfielen auf diese Diagnose. Angestrengtes Sehen war ebenfalls vor allem in dieser Gruppe relevant. Das Erscheinungsbild spielte dagegen häufiger bei konsekutivem Strabismus, frühkindlichem Schielsyndrom und intermittierendem Außenschielen eine Rolle.

Auffällig ist zudem der hohe Anteil wiederholt behandelter Menschen. 76 Teilnehmende, entsprechend 39,2 Prozent der auswertbaren Angaben, waren bereits zuvor operiert worden. Von ihnen hatten 47 eine frühere Schieloperation hinter sich, 29 waren bereits zwei- bis viermal operiert worden. Für die Versorgung bedeutet das einen erhöhten Bedarf an vollständigen Vorbefunden, realistischer Zielvereinbarung und langfristiger Nachbeobachtung.

Die Daten stammen bislang aus einem Kongressabstract und bilden die subjektiven Gründe vor dem Eingriff ab. Sie beantworten noch nicht, wie stark einzelne Beschwerden nach der Operation zurückgehen und wie dauerhaft sich die Lebensqualität verändert. Genau diese patientenberichteten Ergebnisse soll die fortlaufende Studie weiter untersuchen.

Für Kliniken sind solche Angaben mehr als Begleitinformation. Standardisierte Fragebögen können funktionelle und psychosoziale Belastungen sichtbar machen, die Operationsindikation ergänzen und Behandlungsergebnisse jenseits des Schielwinkels vergleichbar dokumentieren. Auch in der Kommunikation mit Kostenträgern ist relevant, dass Doppelbilder, visuelle Anstrengung und Einschränkungen des binokularen Sehens häufig im Vordergrund stehen.

Einordnung: Die Untersuchung verschiebt den Blick von der vermeintlichen Kosmetik zur funktionellen Versorgung. Entscheidend wird nun sein, die genannten Motive mit postoperativen Ergebnissen zu verknüpfen und daraus belastbare Qualitätsindikatoren für die Strabismuschirurgie bei Erwachsenen abzuleiten.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

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