Das gemeinnützige Sozialunternehmen Tomoni Mental Health stellt seinen Geschäftsbetrieb zum 31. Dezember 2026 ein. Nicht mangelnde Nachfrage, sondern eine fehlende dauerhafte Finanzierung beendet das Präventionsangebot: Ein wiederkehrender sechsstelliger Betrag wäre nötig gewesen, um die Arbeit fortzuführen.
Alix und Oliver Puhl gründeten Tomoni 2022, nachdem ihr 16-jähriger Sohn Emil zwei Jahre zuvor durch Suizid gestorben war. Seine psychische Erkrankung war erst spät erkannt worden. Das Unternehmen aus Bad Homburg entwickelte daraufhin kostenlose Online-Fortbildungen für Erwachsene im Umfeld von Kindern und Jugendlichen.
Die Programme richten sich an Beschäftigte in Grund- und weiterführenden Schulen, Eltern, Angehörige sowie Trainerinnen und Trainer im Sport. In kleinen Live-Gruppen lernen Teilnehmende, mögliche Anzeichen psychischer Erkrankungen wahrzunehmen, belastete junge Menschen anzusprechen und sie an geeignete professionelle Hilfen weiterzuvermitteln. Das Sportangebot entstand gemeinsam mit Eintracht Frankfurt.
Nach Unternehmensangaben nahmen bisher rund 5.300 Erwachsene an 21.000 Fortbildungsmodulen teil. Rechnerisch erreichte Tomoni damit das Umfeld von etwa 300.000 Kindern und Jugendlichen. Die achtteiligen Schulprogramme werden seit 2023 gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Würzburg wissenschaftlich evaluiert. Erste, noch nicht abschließend veröffentlichte Ergebnisse deuten laut Unternehmen darauf hin, dass geschulte Lehrkräfte sich eher zutrauen, belastete Schülerinnen und Schüler anzusprechen und Hilfe zu vermitteln.
Der Versorgungsbedarf bleibt hoch. Amtliche Daten weisen Suizid für 2023 bei den 10- bis unter 25-Jährigen als häufigste Todesursache aus; 18 Prozent aller Todesfälle in dieser Altersgruppe entfielen darauf. 2025 starben 244 Menschen unter 20 Jahren durch Suizid. Prävention im direkten Umfeld kann professionelle Diagnostik und Therapie nicht ersetzen, aber den Zugang zu Hilfe beschleunigen.
Tomoni finanzierte sich bisher über Stiftungen, private Spenden und Mittel der Gründer. Diese Gelder waren als zeitlich begrenzte Aufbaufinanzierung angelegt. Gespräche mit Politik und gemeinnützigem Sektor führten nach Angaben des Unternehmens nicht zu einem tragfähigen Anschlussmodell. Das Problem ist damit weniger eine einzelne gescheiterte Runde als die fehlende Regelfinanzierung für niedrigschwellige Prävention außerhalb klassischer Versorgungsverträge.
Service: Alle kostenfreien Live-Online-Fortbildungen finden bis zum 31. Dezember 2026 wie geplant statt. Anmeldungen bleiben über die Programme für Grundschule, weiterführende Schule, Eltern und Sport möglich. Ab Januar 2027 sollen 24 Fortbildungen als Videos verfügbar bleiben; auch der Podcast mit rund 50 Folgen wird weiter angeboten.
Für den Markt zeigt der Fall eine bekannte Schwäche wirkungsorientierter Gesundheitsunternehmen: Hoher gesellschaftlicher Nutzen führt nicht automatisch zu zahlenden Kunden oder renditetauglichen Erlösen. Förderstiftungen können Aufbau und Evaluation ermöglichen, ersetzen aber keine dauerhafte öffentliche oder institutionelle Vergütung.
Einordnung: Tomonis Ende ist kein Beleg gegen die Wirksamkeit des Ansatzes, denn die Evaluation läuft noch. Es zeigt vielmehr, dass Präventionsangebote ein Finanzierungsmodell brauchen, das Wirkung, Reichweite und vermiedene Folgekosten berücksichtigt – bevor zeitlich begrenzte Förderung ausläuft.











