Forschung

GLP-1-Mittel für Kinder: Verordnungen steigen, Zulassung fehlt

Ein NYU-Transplantationschirurg plädiert für den Einsatz bei Kindern, während neue Studiendaten Nutzen und offene Fragen zeigen.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 1. Oktober 2026

Kein GLP-1-Medikament ist zur Behandlung von Adipositas bei Kindern unter 12 Jahren zugelassen, dennoch sind die Verordnungen für 8- bis 11-Jährige seit 2019 um das 310-Fache gestiegen. Der Adipositasspezialist und Transplantationschirurg Babak J. Orandi (NYU) hält diese Entwicklung für richtig und fordert in einem Kommentar mehr Einsatz. Seine Argumentation: Frühe Daten deuten darauf hin, dass die Therapien Jugendlichen helfen, deren Adipositas später zu Organversagen führen kann. Die Angaben stammen aus einem Kommentar in STAT vom 1. Oktober 2026 und weiteren Berichten und sind übersetzt.

GLP-1-Rezeptoragonisten sind Wirkstoffe, die Appetit und Blutzucker über ein Darmhormon steuern. Orandis Team wertete für eine Studie in der Fachzeitschrift Pediatrics vom 4. September 2026 die Datenbank Epic Cosmos aus, eine Krankenakten-Datenbank mit mehr als 300 Millionen Patienten in 2.067 Krankenhäusern und 47.100 Kliniken. Von 2019 bis Juni 2026 stiegen die Verschreibungen für 8- bis 11-Jährige um das 310-Fache. Dennoch erhielten nur 0,6 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe mit Adipositas ein GLP-1-Mittel, bei den 12- bis 17-Jährigen waren es 0,9 Prozent. Rund 20.282 Kinder zwischen 8 und 11 Jahren bekamen die Mittel (Saxenda, Wegovy, Zepbound); 93,7 Prozent hatten eine schwere Adipositas, 65,2 Prozent adipositasbedingte Folgeerkrankungen.

Was Studien zeigen

Eine Studie von Novo Nordisk liefert Hinweise auf einen Nutzen: In STEP Young erhielten 165 Kinder von 6 bis unter 12 Jahren mit Adipositas 68 Wochen lang Semaglutid oder Placebo, jeweils zusammen mit Ernährungs- und Bewegungsmaßnahmen. Der primäre Endpunkt, die Veränderung des BMI, wurde nach Herstellerangaben erreicht. 40,4 Prozent der Kinder unter Semaglutid lagen am Ende unter der Adipositasschwelle, in der Placebogruppe keines. Neue Sicherheitssignale gab es nach Herstellerangaben nicht, auch nicht für Wachstum und Pubertät. Das sind Herstellerdaten aus einer vergleichsweise kleinen Studie; unabhängig begutachtete Langzeitdaten stehen aus.

Folgen für den Markt

Die Lücke zwischen Zulassung und Praxis betrifft Kostenträger, Kliniken und Hersteller: Ärzte verordnen außerhalb der Zulassung (Off-Label), ohne dass Dosierung, Dauer und Absetzstrategie für Kinder standardisiert sind. Eine Zulassung für Jüngere könnte Erstattung und Leitlinien klären; ob und wann sie kommt, ist offen.

Einordnung: Die Verordnungszahlen steigen schneller als Evidenz und Zulassung. Entscheidend sind jetzt unabhängige Langzeitdaten und klare Leitlinien, bevor aus einer Off-Label-Praxis ein breiter Markt wird. Eltern und Ärzte sollten die Entscheidung im Einzelfall treffen; dieser Text ersetzt keine medizinische Beratung.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

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