Eine einzige Studie mit 40 Kindern aus dem Iran, veröffentlicht 2006, könnte die Evidenz zugunsten von Fluoxetin (Handelsname Prozac) bei Depressionen von Kindern und Jugendlichen zu Unrecht verzerrt haben. Das zeigt eine Analyse, die in diesem Monat in „Cochrane Evidence Synthesis and Methods“ erschien. Ihre Autoren fordern keinen Verordnungsstopp, wohl aber, dass Leitlinienkomitees ihre Empfehlungen überprüfen.
Fluoxetin gehört zu den am häufigsten verordneten Antidepressiva bei Minderjährigen. Viele nationale Leitlinien stützen sich auf eine Meta-Analyse im Lancet von 2016, die einen Vorteil gegenüber Placebo fand; eine Meta-Analyse im Lancet Psychiatry von 2020 bestätigte das. Eine Cochrane-Analyse von 2021 dagegen sah nur einen „kleinen und unbedeutenden“ Vorteil und vermutlich keinen Vorsprung gegenüber anderen Antidepressiva.
Die Erklärung für den Widerspruch liegt laut dem Team um Richard Lyus (Cambridge), Florian Naudet (Rennes) und Martin Plöderl (Salzburg) in genau dieser Studie. Sie hatte Fluoxetin mit Nortriptylin verglichen und einen Effekt gemessen, der in der Biomedizin als beispiellos gilt. Rechnet man die Meta-Analysen von 2016 und 2020 ohne diese Daten neu, verschwindet der Vorteil. Die Analyse von 2021 hatte die Studie nur zufällig ausgeschlossen, weil sie Vergleiche mit der Wirkstoffklasse von Nortriptylin ausschloss.
Die Autoren nennen weitere Auffälligkeiten: Die berichteten Daten implizieren, dass sich der Depressionswert bei praktisch jedem Kind in beiden Gruppen ähnlich stark veränderte, ein ungewöhnlich gleichförmiges Muster. Zudem fehlt eine Beschreibung der ethischen Genehmigung. Keine andere Fluoxetin-Studie bei kindlicher Depression fand einen annähernd großen Effekt. Die Autoren der Studie reagierten nach Angaben der Forscher nicht auf Anfragen. Der Verlag der Fachzeitschrift hat die Redaktion um Prüfung gebeten, rechnet aber mit Verzögerungen.
Andrea Cipriani (Oxford), Mitautor der Meta-Analysen von 2016 und 2020, räumt ein, dass die Daten problematisch sind. Man habe das damals diskutiert, aber ohne ein Protokoll für nicht vertrauenswürdige Studien keinen Grund für einen Ausschluss gehabt. Zudem seien die Evidenzsicherheit als „sehr niedrig“ eingestuft und Verzerrungsrisiken vermerkt worden. Cochrane hat in den vergangenen fünf Jahren ein Protokoll zur Prüfung solcher Studien eingeführt. (Zitate sinngemäß aus dem Englischen übersetzt.)
Einordnung
Der Fall zeigt, wie ein einzelner Datensatz eine Behandlungsempfehlung prägen kann. Für Leitlinienorganisationen, Verlage und Anbieter von Evidenz-Software wächst der Bedarf an automatisierten Integritätsprüfungen; für Ärztinnen und Ärzte bleibt die Entscheidung im Einzelfall, solange die Neubewertung aussteht.











