Health-Tech

Sinkende Griffkraft könnte Palliativprognose ergänzen

Eine kleine japanische Kohortenstudie verbindet kurzfristigen Kraftverlust bei fortgeschrittenem Krebs mit kürzerem Überleben.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 23. Oktober 2026

Eine innerhalb einer Woche sinkende Handgriffkraft könnte bei Menschen mit fortgeschrittenem Krebs zusätzliche Hinweise auf die verbleibende Lebenszeit liefern. In einer japanischen Palliativstation war der Rückgang der schwächeren Hand mit einer medianen Überlebenszeit von 30 statt 63 Tagen verbunden. Die Messung ist einfach, die Studie aber klein und noch keine Grundlage für Therapieentscheidungen.

Untersucht wurden 48 stationär palliativ versorgte Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung. Das Team maß die Kraft beider Hände mit einem Dynamometer innerhalb der ersten Woche nach Aufnahme und anschließend wöchentlich. Die Hand mit dem niedrigeren Ausgangswert galt als schwächere Seite; jede Abnahme zwischen der ersten und zweiten Messung wurde als Rückgang gewertet.

Die Gruppe mit nachlassender Kraft hatte ein mehr als doppelt so hohes Sterberisiko wie die Gruppe ohne Rückgang. Nach Anpassung an Alter und Geschlecht lag die Hazard Ratio bei 2,23. Auch unter zusätzlicher Berücksichtigung des Verhältnisses von C-reaktivem Protein zu Albumin, eines Markers für Entzündung und Ernährungszustand, blieb der Zusammenhang bestehen. Die Hazard Ratio betrug dann 2,10.

Der mögliche praktische Nutzen liegt in der Verlaufsbeobachtung. Bisherige Arbeiten betrachteten die Griffkraft meist nur zu einem Zeitpunkt. Eine wiederholte Messung könnte Veränderungen der körperlichen Reserve sichtbar machen, die in komplexeren Scores oder einer subjektiven Einschätzung später auffallen. Das Verfahren ist günstig, am Krankenbett einsetzbar und belastet die Patientinnen und Patienten kaum.

Gerade deshalb ist eine vorsichtige Interpretation wichtig. Von 330 aufgenommenen Personen erhielten nur 81 eine erste Messung; 48 gingen in die Hauptanalyse ein. Wer zu schwach für zwei Tests war oder früh verstarb, konnte nicht vollständig berücksichtigt werden. Zudem stammt die Kohorte aus einem einzigen Krankenhaus. Die Ergebnisse zeigen eine Assoziation, nicht dass ein Kraftverlust die kürzere Überlebenszeit verursacht.

Für die Versorgung wäre die Griffkraft deshalb vorerst ein ergänzendes Signal. Sie darf etablierte Prognoseinstrumente, klinische Untersuchung, Laborwerte und das Gespräch über Ziele und Wünsche nicht ersetzen. Besonders problematisch wäre eine starre Schwelle, die über Behandlung, Entlassung oder Hospizversorgung entscheidet; die Studie untersuchte lediglich, ob die Kraft abnahm.

Für Digital-Health-Anbieter eröffnet sich dennoch ein klar umrissener Entwicklungsraum. Standardisierte Dynamometer könnten Messwerte direkt in die elektronische Patientenakte übertragen und zusammen mit Funktionsscores, Symptomen und Laborwerten als Verlauf darstellen. Bevor daraus ein Entscheidungswerkzeug wird, braucht es größere, multizentrische Studien, externe Validierung und den Nachweis, dass die Information Versorgung tatsächlich verbessert.

Einordnung: Handgriffkraft ist kein neuer digitaler Biomarker, sondern ein sehr einfacher funktioneller Messwert mit möglichem Zusatznutzen. Attraktiv wird er nicht durch technische Komplexität, sondern durch niedrige Kosten und Wiederholbarkeit; klinisch relevant ist er erst, wenn seine Nutzung bessere Entscheidungen unterstützt.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

Unsere Kooperationspartner

Wir danken unseren Partnern für die freundliche Unterstützung

esanumHelloBetterHartmannbundHealth Captains ClubmedicasTechniker KrankenkasseAMBOSSMWV Medizinisch Wissenschaftliche VerlagsgesellschaftBKK ProVitaFelix MedicusesanumHelloBetterHartmannbundHealth Captains ClubmedicasTechniker KrankenkasseAMBOSSMWV Medizinisch Wissenschaftliche VerlagsgesellschaftBKK ProVitaFelix Medicus

Mindful Doctor Konferenz