Die American Diabetes Association (ADA) räumt nach dem Ausschluss von fünf Forschenden bei ihrem Jahreskongress erhebliche Fehler ein. Der vollständige Untersuchungsbericht kommt zu dem Schluss, dass drei der fünf Personen wahrscheinlich nicht hätten entfernt werden sollen und dass die damaligen Regeln die Verteilung gedruckter Materialien nicht ausdrücklich verboten.
Der Vorfall ereignete sich am 5. Juni 2026 bei den Scientific Sessions in New Orleans. Die fünf ADA-Mitglieder verteilten einen in der verbandseigenen Fachzeitschrift Diabetes Care erschienenen Kommentar gegen Kürzungen der staatlichen Forschungsförderung. Sicherheitskräfte und uniformierte, außerhalb ihres regulären Dienstes eingesetzte Polizeibeamte entzogen ihnen die Kongressausweise und begleiteten sie aus dem Gebäude.
Der Bericht stützt die Sicherheitsbedenken teilweise auf eine E-Mail eines Beteiligten vom 19. März. Darin hatte dieser angekündigt, gegen den ursprünglich vorgesehenen Hauptredner zu protestieren, die Veranstaltung zu stören und Kollegen zu mobilisieren. Vor Ort bestand die Aktion jedoch im Verteilen von rund 1.000 gedruckten Exemplaren des Kommentars.
Videoaufnahmen zeigen laut Bericht unterschiedliche Verhaltensweisen. Zwei Forschende verteilten Exemplare im Vortragssaal und setzten dies zunächst fort, nachdem Sicherheitskräfte sie zum Verlassen aufgefordert hatten. Ein dritter verteilte die Texte außerhalb des Saals. Ein weiterer stellte die Verteilung nach der Aufforderung sofort ein; bei einer fünften Person dokumentiert das Video weder eine laufende Verteilung noch eine vorherige Warnung. Für drei Betroffene entschuldigte sich ADA-Chef Charles Henderson nun ausdrücklich.
Zugleich stellte das Prüfgremium fest, dass der Verhaltenskodex zwar Proteste und störendes Verhalten untersagte, aber keine klare Regel für nichtkommerzielle Handzettel enthielt. Entsprechende Vorgaben fanden sich nur in Vereinbarungen für Aussteller. Mitarbeitende gingen dennoch nahezu einhellig von einem generellen Verbot aus. Die Anweisung, mögliche Protestierende nicht direkt anzusprechen und alles der Sicherheit zu überlassen, verhinderte eine Klärung vor Ort.
Die Folgen reichen über den Kongress hinaus. Mehr als 1.100 Mitglieder unterstützen inzwischen einen Boykott; Beteiligte haben unter anderem Manuskripteinreichungen, Begutachtungen, Gremienarbeit und Bildungsaktivitäten ausgesetzt. Die ADA will nun die redaktionelle Unabhängigkeit ihrer Zeitschriften bekräftigen, Veranstaltungsregeln präzisieren, Sicherheitskräfte für nicht lebensbedrohliche Störungen schulen und ihre Leitungsstrukturen überprüfen.
Parallel wechselte die Führung: Der Vorstandsvorsitzende James Tai trat mit Wirkung zur Vorwoche zurück. Drei Tage vor Veröffentlichung des Berichts verließ auch die medizinisch-wissenschaftliche Direktorin Rita Kalyani ihre Position mit sofortiger Wirkung; einen Zusammenhang mit dem Vorfall nannte der Verband nicht.
Einordnung: Für einen Fachverband, dessen Kongresse, Leitlinien und Zeitschriften den Diabetesmarkt prägen, ist Vertrauen eine operative Ressource. Ob die angekündigten Reformen genügen, entscheidet sich daran, ob Forschende wieder Gutachten, Manuskripte und ehrenamtliche Arbeit beitragen – nicht an einer weiteren Erklärung.











