Bewegung gehört in der Onkologie nicht ins Begleitprogramm, sondern in den Behandlungsplan. Auf der gemeinsamen Jahrestagung der deutschsprachigen Fachgesellschaften für Hämatologie und Onkologie in Wien rückte deshalb eine bekannte Schwachstelle in den Fokus: In der Rehabilitation wird zwar häufig Bewegung angeboten, doch Intensität, Umfang und Progression reichen nicht immer aus, um die möglichen Effekte zu erzielen.
Die Evidenzbasis ist inzwischen breit. Regelmäßiges Ausdauer- und Krafttraining kann körperliche Leistungsfähigkeit, Muskelkraft und Lebensqualität verbessern sowie Fatigue und weitere therapiebedingte Beschwerden mindern. Internationale Empfehlungen orientieren sich häufig an mindestens 150 Minuten moderater oder 75 Minuten intensiver Ausdaueraktivität pro Woche, ergänzt um zwei bis drei Einheiten Krafttraining. Das ist ein Zielkorridor, keine starre Vorgabe.
Gerade in der Onkologie muss die Dosis individuell entstehen. Tumorart, Behandlung, Blutbild, Fatigue, Neuropathien, Herz-Kreislauf-Risiken oder Knochenmetastasen verändern, was sicher und realistisch ist. Für geschwächte Patientinnen und Patienten kann bereits ein niedriger Einstieg therapeutisch sinnvoll sein. Entscheidend ist, dass Belastung geplant gesteigert und nicht dauerhaft auf dem Niveau unverbindlicher Aktivierung belassen wird.
Damit wird die Umsetzung zur organisatorischen Aufgabe. Reha-Einrichtungen brauchen qualifiziertes Personal, standardisierte Eingangstests und eine Dokumentation nach Häufigkeit, Intensität, Dauer und Trainingsart. Digitale Anwendungen und Wearables können Belastung, Fortschritt und Therapietreue sichtbar machen. Sie ersetzen jedoch weder die klinische Beurteilung noch eine fachkundige Trainingssteuerung.
Als ergänzende Option wird die Ganzkörper-Elektromyostimulation diskutiert. Dabei lösen elektrische Impulse während einfacher Übungen Muskelkontraktionen aus. Eine kontrollierte Pilotstudie mit 131 Menschen mit fortgeschrittenen soliden Tumoren verband zweimal wöchentlich 20 Minuten EMS mit Ernährungsberatung; nach zwölf Wochen waren Muskelmasse und körperliche Funktion gegenüber alleiniger Ernährungsberatung verbessert. Die Aussagekraft bleibt begrenzt: Die Zuteilung war nicht randomisiert, die Abbruchquote relevant und die Intervention kombinierte zwei Bausteine.
EMS kann daher für ausgewählte Menschen interessant sein, die konventionelles Krafttraining nur eingeschränkt bewältigen. Ein Ersatz für etabliertes Ausdauer- und Krafttraining ist das Verfahren bislang nicht. Es gehört unter professionelle Aufsicht und muss an Erkrankung, Therapiesituation und individuelle Risiken angepasst werden.
Für Anbieter von Reha- und Digital-Health-Lösungen verschiebt sich damit der Qualitätsmaßstab. Nicht die Zahl angebotener Bewegungseinheiten ist entscheidend, sondern ob eine nachvollziehbare, wirksame und sichere Trainingsdosis erreicht wird. Vergütung und Qualitätssicherung müssten diese Differenz künftig stärker abbilden.
Einordnung: Das zentrale Defizit der Onko-Reha ist weniger fehlendes Wissen als die Lücke zwischen Empfehlung und Alltag. Wer Bewegung als Therapie versteht, muss sie ebenso präzise verordnen, überwachen und anpassen wie andere supportive Maßnahmen.











