Forschung

HERO-19 findet keinen klaren Vorteil der Vollantikoagulation

Bei hospitalisierten COVID-19-Erkrankten senkte eine therapeutische Gerinnungshemmung den kombinierten Endpunkt nicht signifikant.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 23. Oktober 2026

Eine therapeutisch dosierte Antikoagulation hat in der deutschen HERO-19-Studie Tod und thromboembolische Ereignisse bei hospitalisierten COVID-19-Erkrankten nicht signifikant stärker reduziert als die übliche Thromboseprophylaxe. Das Ergebnis spricht gegen eine routinemäßige Eskalation auf die volle Behandlungsdosis, wenn keine andere Indikation zur Antikoagulation vorliegt. Zugleich lässt die geringe Teilnehmerzahl kleinere Effekte offen.

Die randomisierte, multizentrische Studie schloss von November 2020 bis Januar 2023 an zehn deutschen Universitätskliniken 139 Patientinnen und Patienten ein. Ihr Durchschnittsalter lag bei 58 Jahren, 67 Prozent waren Männer. Bei der Randomisierung wurden 40 Prozent auf einer Intensivstation und 60 Prozent auf einer Normalstation behandelt.

In der Interventionsgruppe erhielten die Teilnehmenden während des Klinikaufenthalts niedermolekulares Heparin in therapeutischer, gewichtsangepasster Dosis. Nach der Entlassung folgte bis Tag 42 Edoxaban mit 60 Milligramm täglich. Die Kontrollgruppe bekam im Krankenhaus eine prophylaktische Heparindosis und anschließend Placebo. Personen mit einer eigenständigen Indikation für eine Vollantikoagulation oder hohem Blutungsrisiko waren ausgeschlossen.

Der primäre kombinierte Endpunkt umfasste Tod jeglicher Ursache sowie venöse oder arterielle Thromboembolien innerhalb von 42 Tagen. Er trat bei 14 von 67 auswertbaren Personen der Therapiegruppe auf, entsprechend 21 Prozent, und bei 20 von 70 Personen der Kontrollgruppe, entsprechend 29 Prozent. Die Hazard Ratio betrug 0,74; das breite 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,38 bis 1,48 schloss sowohl einen relevanten Nutzen als auch einen möglichen Nachteil ein. Der Unterschied war mit einem p-Wert von 0,40 nicht statistisch signifikant.

Auch die einzelnen Komponenten ergaben kein klares Signal: Sieben gegenüber acht Teilnehmenden starben, venöse Ereignisse wurden bei drei gegenüber fünf Personen und arterielle Ereignisse in beiden Gruppen jeweils siebenmal erfasst. Anders als viele frühere Studien suchte HERO-19 mit seriellen Duplexuntersuchungen von Armen und Beinen systematisch auch nach klinisch unauffälligen Thrombosen. Dadurch fiel die insgesamt dokumentierte thromboembolische Belastung vergleichsweise hoch aus.

Bei der Sicherheit lagen sieben Blutungsereignisse unter therapeutischer und sechs unter prophylaktischer Dosierung vor. Schwere oder klinisch relevante, nicht schwere Blutungen wurden sieben gegenüber vier Mal registriert. Die Zahlen sind zu klein, um robuste Unterschiede abzuleiten, erinnern aber an die notwendige Abwägung zwischen Thromboseprävention und Blutungsrisiko.

Eine wesentliche Einschränkung ist die statistische Aussagekraft. Ursprünglich waren 172 Teilnehmende geplant; wegen einer niedrigeren Ereignisrate hätte die Stichprobe später auf 266 erhöht werden müssen. Rekrutierungsprobleme führten jedoch zum vorzeitigen Ende nach 140 Randomisierungen, von denen 139 analysiert wurden. Zudem umfasste die Laufzeit mehrere Virusvarianten und Veränderungen der COVID-19-Behandlung.

Einordnung: HERO-19 stärkt die zurückhaltende Praxis, bei hospitalisierten COVID-19-Erkrankten ohne bestätigte Thrombose oder andere klare Indikation nicht automatisch voll zu antikoagulieren. Die gründliche Gefäßdiagnostik zeigt zugleich, dass thromboembolische Ereignisse klinisch relevant bleiben und risikobasierte Strategien weiter untersucht werden müssen.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

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