US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hat in dieser Woche gesagt, Künstliche Intelligenz könne Patientinnen und Patienten eine Zweitmeinung liefern, die „viel besser informiert“ sei „als jeder Arzt im Land“ (übersetzt). Mehrere große ärztliche Fachverbände wiesen die Aussage zurück. Sie betonen, KI-Entwicklung müsse sich an Patientensicherheit und ärztlicher Expertise orientieren.
Kennedy stellte die Technik als Befreiung dar: Patienten könnten sich mit ihrer Hilfe aus einer „medizinischen Tyrannei“ lösen (übersetzt), indem sie Ratschläge von Behörden und Experten selbst überprüfen. Er stellte außerdem in Aussicht, dass alle Amerikanerinnen und Amerikaner ihre vollständigen Krankenakten künftig über das Mobiltelefon abrufen können. KI solle lange Akten auswerten, für die Ärzte in einem normalen Termin keine Zeit hätten. Wann und wie diese Funktion starten soll, ist nicht ausgeführt.
Sechs Organisationen reagierten gemeinsam: die American Medical Association, die American Academy of Family Physicians, die American Academy of Pediatrics, das American College of Obstetricians and Gynecologists, das American College of Physicians und das American College of Surgeons. Aussagen, KI sei grundsätzlich besser informiert als Ärztinnen und Ärzte, minderten deren Expertise und gefährdeten das Vertrauen der Patienten, heißt es sinngemäß. Ärztinnen und Ärzte bewerteten Patienten im Kontext und übten fachliches Urteilsvermögen aus. Patientensicherheit, ärztliche Fachkenntnis und die Menschlichkeit der klinischen Praxis müssten die Entwicklung leiten (übersetzt).
Der Streit trifft auf einen Markt, der sich ohnehin bewegt. Die US-Regierung treibt den Einsatz von KI im Gesundheitswesen voran, klinische KI gehört bei der Medicare-Behörde CMS zu den Prioritäten. Für Anbieter bedeutet das politische Aufmerksamkeit, aber auch ein aufgeladenes Umfeld: Wer KI-Produkte verkauft, trifft auf Ärzteschaften, die sich öffentlich gegen eine Verdrängung wehren.
Aus Sicht von Klinikmanagern und Gründern ist die Frage weniger, ob KI zweite Meinungen liefern kann, sondern unter welchen Bedingungen: mit welcher Datengrundlage, mit welcher Haftung und mit welchem Nachweis der Leistung. Belastbare Studien, die KI-Zweitmeinungen mit denen von Fachärzten in der breiten Versorgung vergleichen, wurden im Zusammenhang mit Kennedys Aussage nicht genannt. Seine Behauptung „besser informiert“ blieb ohne Daten.
Einordnung
Der Konflikt verschiebt die Debatte von der Technik zur Autorität: Wer entscheidet, was als verlässliche Zweitmeinung gilt? Für Health-Tech-Unternehmen ist die Linie der Ärzteverbände ein Hinweis auf künftige Anforderungen, nämlich KI als Werkzeug unter ärztlicher Verantwortung zu positionieren. Wer Evidenz zur Leistung vorlegen kann, ist in beiden Lagern anschlussfähig.











