Gute Kommunikation in der Onkologie verlangt mehr als verständliche medizinische Informationen. Persönlichkeit beeinflusst, wie Patienten Unsicherheit bewältigen, wie viel Nähe sie wünschen und ob sie Entscheidungen aktiv mitgestalten möchten. Der Psychologe und Psychotherapeut Johannes Ehrenthal plädiert deshalb für flexible Gesprächsführung statt starrer Typenschubladen.
Ehrenthal forscht an der Universität zu Köln zu klinischer Psychologie, Persönlichkeit und psychodynamischer Diagnostik. Auf der Jahrestagung der deutschsprachigen Fachgesellschaften für Hämatologie und Onkologie in Wien erläuterte er, wie unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale Gespräche prägen können. Ausgangspunkt ist dabei nicht, Patienten vorschnell zu etikettieren, sondern wiederkehrende Bedürfnisse und Reaktionsmuster wahrzunehmen.
Einige Menschen benötigen beispielsweise viele Details, klare Abläufe und Zeit zum Abwägen. Andere erleben dieselbe Informationsmenge als Überforderung und brauchen zunächst Orientierung in wenigen Schritten. Manche suchen eine enge Beziehung und häufige Rückversicherung, während andere Distanz und Autonomie bevorzugen. Diese Unterschiede können unter dem Stress einer Krebsdiagnose deutlicher werden.
Für Behandlungsteams bedeutet das: Informationen sollten dosiert, Verständnis aktiv überprüft und Präferenzen direkt erfragt werden. Offene Fragen wie „Was ist Ihnen für die Entscheidung besonders wichtig?“ liefern häufig mehr als Annahmen über Alter, Bildung oder Auftreten. Die Teach-back-Methode, bei der Patienten wesentliche Inhalte mit eigenen Worten wiedergeben, kann Missverständnisse sichtbar machen, ohne wie eine Prüfung zu wirken.
Persönlichkeitsorientierte Kommunikation ist keine Aufforderung zu langen psychologischen Tests im Klinikalltag. Praktischer sind kurze Beobachtungen und ein strukturierter Austausch im Team: Wie reagiert die Person auf Unsicherheit? Möchte sie Angehörige einbeziehen? Braucht sie Wahlmöglichkeiten oder eine klare Empfehlung? Solche Angaben können in der digitalen Dokumentation festgehalten werden, sollten aber wertfrei und veränderbar bleiben.
Auch KI-gestützte Gesprächsdokumentation und Entscheidungshilfen können unterstützen, etwa durch Zusammenfassungen oder Hinweise auf offene Fragen. Sie dürfen menschliche Einschätzung jedoch nicht durch automatisierte Persönlichkeitsprofile ersetzen. Sensible psychologische Daten bergen Risiken für Fehlklassifikation, Datenschutz und diskriminierende Entscheidungen.
Der Ansatz entlastet nicht nur Patienten. Wenn Ärztinnen und Ärzte Irritationen als unterschiedliche Bewältigungsstile verstehen, können sie Konflikte früher erkennen und Gespräche gezielter strukturieren. Voraussetzung sind Training, Supervision und ausreichend geschützte Gesprächszeit.
Einordnung: Viele Mediziner kommunizieren bereits intuitiv flexibel; der Persönlichkeitsblick macht dieses Können bewusster und lehrbarer. Der Nutzen liegt nicht in neuen Schubladen, sondern in einer Versorgung, die Inhalt, Tempo und Beteiligung an den einzelnen Menschen anpasst.











