Das Berliner Startup Missoir will mit einem wasserlosen Hockurinal die Sanitärversorgung für Frauen beschleunigen. Nach dem Auftritt in „Die Höhle der Löwen“ blieb ein Investment aus, doch Betriebsdaten aus Berlin sprechen für reale Nachfrage – und zeigen zugleich Grenzen bei Barrierefreiheit und Nutzergruppen.
Gründerin Lena Olvedi bietet das bodengleich installierte Edelstahlurinal für 996 Euro an. In der TV-Sendung nannte sie Herstellkosten von 250 Euro, rund 100 verkaufte Einheiten seit Beginn der Serienproduktion 2024 und 120.000 Euro Umsatz. Für 180.000 Euro bot sie 20 Prozent der Unternehmensanteile; daraus ergab sich eine Bewertung von 900.000 Euro vor dem Investment. Ein Deal kam nicht zustande.
Das Produkt wird in tiefer Hocke genutzt, benötigt keine Wasserspülung und ist für einzelne Kabinen oder Reihen vorgesehen. Zielkunden sind nicht Privatpersonen, sondern Kommunen, Veranstaltungsorte, Clubs und Festivals. Für diese Betreiber liegt der wirtschaftliche Nutzen in höherem Durchsatz, geringerer Fläche pro Einheit und eingespartem Spülwasser.
Berliner Pilot liefert Akzeptanzdaten
Das Land Berlin testete ab 2023 insgesamt 24 autarke Trockentoiletten in allen zwölf Bezirken. Zwölf Anlagen enthielten das Hockurinal von Missoir, die übrigen ein anderes Unisex-Modell. Im ersten Jahr wurden mehr als 500.000 Nutzungen erfasst. Mehr als 90 Prozent der Befragten bewerteten beide Urinaltypen als sehr oder eher praktikabel; das Hockurinal schnitt insgesamt etwas besser ab.
Die Ergebnisse sind ein Marktsignal, aber kein uneingeschränkter Nutzungsbeleg. Bei Teilnehmenden über 65 Jahren hielten nur rund 69 Prozent das Hockurinal für praktikabel, gegenüber etwa 93 Prozent beim aufrechter nutzbaren Unisex-Modell. Der Abschlussbericht nennt zudem Barrierefreiheit, Handwaschmöglichkeiten und den über längere Zeit schlechter bewerteten Zustand der Anlagen als offene Punkte.
Auch gesundheitliche Aussagen benötigen Differenzierung. Studien verbinden das Schweben über einer normalen Toilettenbrille in halber Hocke mit geringerem Harnfluss und mehr Restharn. Missoir ist dagegen für eine tiefe Hockposition konstruiert. Daraus lässt sich nicht automatisch ein klinischer Vorteil ableiten; dafür wären vergleichende Untersuchungen mit dem konkreten Produkt nötig. Plausibel ist vor allem, dass eine kontaktfreie Alternative riskantes Balancieren über der Sitztoilette vermeiden kann.
Für Betreiber zählt deshalb ein Praxistest mit getrennten Kennzahlen: Nutzungen pro Stunde, Reinigungsaufwand, Ausfallzeiten, Wasserersparnis, Fehlbenutzung und Akzeptanz nach Alter und Mobilität. Da das Hockurinal eine Sitztoilette nicht ersetzt, muss eine zugängliche Alternative Teil jeder Planung bleiben.
Einordnung: Missoir adressiert ein sichtbares Infrastrukturproblem mit einem vergleichsweise einfachen Produkt. Die Berliner Daten widerlegen die Annahme, Frauen würden Hockurinale grundsätzlich ablehnen. Skalierung entscheidet sich nun weniger an der Idee als an Ausschreibungen, Wartung und einem inklusiven Sanitärkonzept.











