Finanzierung

Kassenanlagen: 400 Millionen Euro bereits wertberichtigt

Die Aufarbeitung notleidender Immobilienanlagen bei Krankenkassen und KVen ist noch nicht abgeschlossen.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 29. Oktober 2026

Zwölf bundesunmittelbare Krankenkassen haben notleidende Immobilienanlagen mit einem Nominalwert von rund 1,1 Milliarden Euro in ihren Büchern. Bis Ende 2025 wurden darauf rund 400 Millionen Euro wertberichtigt; der Restbuchwert lag noch bei etwas mehr als 700 Millionen Euro. Weitere Korrekturen für 2026 sind angekündigt, ihre Höhe ist offen.

Das geht aus einer am 26. Oktober 2026 vorgelegten Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage im Bundestag hervor. Elf der zwölf Kassen investierten in Inhaberschuldverschreibungen der Fonds Verius II und III, alle zwölf in immobilienbesicherte Schuldscheindarlehen; neun waren in beiden Anlageformen engagiert. Eine bundesunmittelbare Pflegekasse hält zudem eine notleidende Anlage mit einem Nennwert von rund einer Million Euro.

Die bereits verbuchten Wertberichtigungen verteilen sich auf rund 270 Millionen Euro bei den Schuldscheindarlehen und rund 130 Millionen Euro bei den Verius-Schuldverschreibungen. Von den Restbuchwerten entfallen etwa 630 Millionen Euro auf die Darlehen und 70 Millionen Euro auf die Fondsanleihen. Diese Beträge sind keine endgültige Verlustrechnung: Rückflüsse, weitere Abschreibungen und mögliche Ansprüche gegen Dritte sind noch nicht abschließend beziffert.

Die betroffenen Kassen erwarben die Verius-Anlagen zwischen 2018 und 2022, die immobilienbesicherten Schuldscheindarlehen zwischen 2017 und 2023. Zahlungsstörungen traten ab 2023 auf. Die Zinswende 2022 und höhere Finanzierungskosten belasteten den Immobilienmarkt; beim Verius-Fonds sind seit Mitte 2023 Leistungsstörungen bekannt.

Brisant ist der Fall, weil für Sozialversicherungsträger strenge Anlagegrundsätze gelten. Nach Paragraf 80 SGB IV müssen Mittel so verwaltet werden, dass ein Verlust ausgeschlossen erscheint, Liquidität gesichert bleibt und ein angemessener Ertrag erzielt wird. Ein qualifiziertes Risikomanagement sowie Mischung und Streuung sollen Ausfälle begrenzen. Die betroffenen Mittel stammten nach Angaben der Aufsicht durchgängig aus Rücklagen.

Formal waren die Schuldverschreibungen und Schuldscheindarlehen nach bisherigen Erkenntnissen zulässige Anlageformen und weder genehmigungs- noch anzeigepflichtig. Ob die Kassen Risiken, Immobilienwerte und Sicherheiten im Einzelfall ausreichend prüften, ist jedoch weiterhin Gegenstand der Aufarbeitung. Das gilt auch für Verantwortlichkeiten, mögliche Mängel im Risikomanagement und Haftungsfragen.

Für landesunmittelbare Kassen, Pflegekassen und Kassenärztliche Vereinigungen fehlt weiterhin eine vollständige Übersicht. Das Bundesgesundheitsministerium sammelt Angaben der Landesaufsichten; das Bundesamt für Soziale Sicherung soll sie auswerten. Am 11. und 12. November 2026 wollen Bund und Länder über Aufsichtspraxis und möglichen gesetzlichen Anpassungsbedarf beraten.

Einordnung

Der Vorgang ist mehr als ein Bilanzproblem einzelner Kassen: Er betrifft die Kontrolle von Beitragsmitteln in einer Phase hoher finanzieller Belastung der gesetzlichen Krankenversicherung. Entscheidend sind nun eine belastbare Gesamtschadenssumme, klare Verantwortlichkeiten und ein Risikomanagement, das zulässige Anlagen nicht automatisch mit sicheren Anlagen gleichsetzt.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

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