Der 85. Bayerische Ärztinnen- und Ärztetag fordert verbindliche Regeln für Hitzeschutz, eine stärkere Prävention und Reformen, die im Versorgungsalltag funktionieren. Die 180 Delegierten verabschiedeten in Berchtesgaden Beschlüsse zu Schulen, Gesundheitseinrichtungen, ambulanter Vergütung und Krankenhausplanung. Rechtlich bindend sind diese Forderungen nicht; sie markieren die Position der ärztlichen Selbstverwaltung.
Für den Schulsport soll das bayerische Kultusministerium landesweit einheitliche Kriterien entwickeln. Sie sollen festlegen, wann Veranstaltungen im Freien wegen Hitze angepasst, verschoben oder abgesagt werden. Gesundheitskompetenz und Prävention sollen zugleich fächer- und jahrgangsübergreifend in bestehende Lehrpläne einfließen. Genannt werden Ernährung, Bewegung, psychische Gesundheit, Suchtprävention, digitale Medien und Klimafolgen.
Auch die staatliche Bauförderung soll nach dem Willen der Delegierten verändert werden. Förderprogramme für Neubau, Sanierung und Modernisierung sollen verbindliche Anforderungen an Klimaanpassung und baulichen Hitzeschutz enthalten. Das betrifft ausdrücklich Krankenhäuser, Pflegeheime, Kindertagesstätten und Schulen, daneben öffentliche Gebäude und den Wohnungsbau.
Für Klinikbetreiber und Träger sozialer Einrichtungen wäre das mehr als eine bauliche Detailfrage. Verschattung, passive Kühlung, Lüftung und angepasste Betriebsabläufe würden stärker zu Kriterien von Investitionsentscheidungen. Die Delegierten verlangen zugleich, Klimaschutz und Hitzeschutz von Beginn an in gesundheitspolitischen Gesetzen zu berücksichtigen und unterschiedliche Voraussetzungen der ambulanten und stationären Versorgung einzubeziehen.
Das Ärzteparlament verbindet diese Forderungen mit dem One-Health-Ansatz. Dabei werden die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen gemeinsam betrachtet. Bund und Länder sollen diese Perspektive in Prävention, Gesundheitsplanung und Krisenvorsorge verankern. Zudem lehnen die Delegierten eine Abschwächung des EU-Klimaziels für 2040 ab und verweisen auf Gesundheitsbelastungen durch Feinstaub, Stickoxide und bodennahes Ozon.
Ein zweiter Schwerpunkt ist die Finanzierung von Prävention. Vorsorge-, Früherkennungs- und Präventionsleistungen sollen dauerhaft außerhalb gedeckelter Budgets zu festen Preisen und ohne Mengenbegrenzung vergütet werden. Steigende Nutzung wertet der Ärztetag als gewünschtes Ergebnis einer Präventionsstrategie, nicht als unerwünschte Leistungsausweitung.
Bei den Strukturreformen fordert die Versammlung bessere Bedingungen für Niederlassungen, eine am regionalen Bedarf ausgerichtete Krankenhausplanung und ein ärztlich getragenes Primärversorgungssystem. Hausärztinnen und Hausärzte sollen stärker koordinieren, ohne eine starre Zugangshürde zur fachärztlichen Versorgung zu schaffen. Änderungen an Krankenhausstandorten dürften außerdem Weiterbildungskapazitäten sowie erreichbare Notfall- und Facharztversorgung nicht gefährden.
Für Kinder und Jugendliche verlangt der Ärztetag zusätzlich verbindliche Regeln gegen Werbung für ungesunde Lebensmittel. Die Kriterien sollen auf dem Nährwertprofil der Weltgesundheitsorganisation beruhen; für Fernsehen und Streamingdienste wird ein Werbeverbot zwischen 6 und 23 Uhr gefordert, ergänzt um soziale Medien, Onlinevideos und Games.
Einordnung: Die Beschlüsse bündeln Klimaanpassung, Präventionspolitik und Versorgungsreform zu einem gesundheitspolitischen Programm. Entscheidend wird sein, ob Bund und Länder daraus finanzierte Standards machen – denn ohne Investitionsmittel und klare Zuständigkeiten bleiben Hitzeschutz und Prävention zusätzliche Aufgaben für ohnehin belastete Einrichtungen.











