Die Humboldt-Universität zu Berlin hat einen umfangreichen Quellenbestand zur Geschichte von HIV und Aids für Forschung und Öffentlichkeit geöffnet. Mehr als 10.000 Dokumente aus 17 Vor- und Nachlässen ergänzen das Haeberle-Hirschfeld-Archiv für Sexualwissenschaft und schließen eine Lücke in der deutschen Medizin- und Versorgungsgeschichte.
Die Sammlung liegt in rund 40 Archivkartons. Sie enthält Arztbriefe, Befunde, private Korrespondenzen, Fotos, Flugblätter, Rundschreiben sowie Ton- und Bildaufnahmen. Dokumentiert werden unter anderem Erfahrungen von Menschen mit HIV in Haft, von ehrenamtlich Tätigen in Aidshilfen, Aktivisten und Angehörigen von Menschen mit Hämophilie, die sich über kontaminierte Blutprodukte infizierten. Hinzu kommen Unterlagen von Selbsthilfegruppen, Aidshilfen und spezialisierten Pflegediensten.
Damit lässt sich die Entwicklung der Versorgung auf mehreren Ebenen nachvollziehen: von Diagnose und Krankenhausaufenthalten über Medikamentenverläufe bis zum Durchbruch der antiretroviralen Therapie. Zugleich zeigen die Quellen, wie Stigmatisierung, staatliche Maßnahmen, Selbstorganisation und Aufklärung den Umgang mit der Epidemie prägten. Gerade private Dokumente ergänzen die offiziellen Statistiken um Perspektiven, die in institutionellen Archiven häufig fehlen.
Der Aufbau begann 2012 durch HIV-Aktivisten, Journalisten und Wissenschaftler. Zwei Jahre später starteten die Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität und die Universitätsbibliothek ein Modellprojekt, gefördert von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Die Aids-Bestände wurden in das bereits bestehende Haeberle-Hirschfeld-Archiv integriert, das auf einer 2004 übergebenen Sammlung des Sexualwissenschaftlers Erwin J. Haeberle beruht.
Der Zugang berücksichtigt die besondere Sensibilität medizinischer und persönlicher Daten. Das Material ist Präsenzbestand und wird grundsätzlich vor Ort eingesehen. Interessierte müssen die Nutzung schriftlich beantragen, das Thema und den Zweck ihres Vorhabens beschreiben und ein berechtigtes Interesse darlegen. Schutzfristen, Urheberrechte und das informationelle Selbstbestimmungsrecht können die Einsicht oder Veröffentlichung einschränken; bei personenbezogenen Unterlagen sind Auflagen oder Einwilligungen möglich.
Zugang: Die Bestände lassen sich im Bibliotheksportal Primus und in einem eigenen Katalog recherchieren und bestellen. Die Einsicht erfolgt nach Genehmigung im Forschungslesesaal des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums, Geschwister-Scholl-Straße 1/3, 10117 Berlin. Reproduktionen sind auf Antrag möglich; Kontakt ist die Abteilung Historische Sammlungen unter rara@ub.hu-berlin.de.
Einordnung: Das Archiv ist keine bloße Rückschau, sondern Forschungsinfrastruktur für Medizin, Public Health und Gesundheitspolitik. Es macht sichtbar, wie Versorgung, Aktivismus und gesellschaftliches Vertrauen zusammenwirkten – Erfahrungen, die auch für künftige Epidemien relevant bleiben.











