Health-Tech

CD64/CD169-Test soll Antibiotika bei Säuglingen gezielter machen

Eine kleine Studie aus Genua liefert starke Frühsignale, doch der Schritt vom Durchflusszytometer zum Point-of-Care-Test steht noch aus.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 23. Oktober 2026

Ein Bluttest aus Genua könnte die frühe Abklärung fiebernder Säuglinge präziser machen und unnötige Antibiotikagaben reduzieren. In einer kleinen prospektiven Studie unterschied das Verhältnis der Immunmarker CD64 und CD169 bakterielle von nicht bakteriellen Infektionen mit 100 Prozent Sensitivität und 96,6 Prozent Spezifität. Für den klinischen Einsatz fehlen jedoch noch eine multizentrische Validierung und ein schneller Test für die Notaufnahme.

Fieber bei Säuglingen bis 90 Tage gilt als medizinischer Notfall, weil bakterielle Infektionen rasch lebensbedrohlich werden können. Da Blutkulturen Zeit benötigen und etablierte Entzündungsmarker nicht alle Fälle sicher trennen, beginnen Kliniken häufig vorsorglich mit Antibiotika. Das schützt vor übersehenen Infektionen, führt aber zugleich zu vermeidbaren Lumbalpunktionen, stationären Aufnahmen und Behandlungen bei viralen Erkrankungen.

Das Team am pädiatrischen Notfallzentrum des IRCCS Istituto Giannina Gaslini untersuchte 61 Säuglinge: 12 mit bestätigter bakterieller Infektion, 29 ohne bakterielle Infektion und 20 gesunde Kontrollen. Per Durchflusszytometrie bestimmten die Forschenden CD64 auf neutrophilen Granulozyten und CD169 auf Monozyten. CD64 steigt typischerweise bei bakterieller, CD169 bei viraler Immunantwort.

Starkes Signal, frühe Entwicklungsphase

Der kombinierte Quotient erreichte eine Fläche unter der ROC-Kurve von 0,989. Dieser Wert beschreibt die Trennschärfe eines diagnostischen Tests; 1,0 wäre perfekt. Beim gewählten Grenzwert von 1,27 erkannte das Verfahren alle bakteriellen Fälle und klassifizierte 96,6 Prozent der nicht bakteriellen Fälle korrekt. Damit lag es in dieser Stichprobe vor Prokalzitonin und C-reaktivem Protein, zwei verbreiteten Entzündungsmarkern.

Die Aussagekraft bleibt dennoch begrenzt. Die Daten stammen aus nur einem Zentrum, die Gruppe mit bakterieller Infektion umfasste zwölf Kinder, und die Ergebnisse wurden bislang als Kongressbeitrag und im Rahmen einer Doktorarbeit vorgelegt. Eine sehr hohe diagnostische Leistung in einer kleinen Kohorte kann sich bei breiterer Anwendung abschwächen. Der Test darf deshalb weder Blutkulturen noch die klinische Beurteilung ersetzen.

Technisch ist das Verfahren ebenfalls noch kein Point-of-Care-Produkt. Die Durchflusszytometrie erfordert spezialisierte Geräte, Laborpersonal und standardisierte Abläufe. Das Forschungsteam will die Marker nun in ein schnelles, kostengünstiges Format für die patientennahe Diagnostik übertragen. Parallel startet die prospektive Multicenterstudie DISCERN mit geplant 300 bis 500 Säuglingen.

Für Diagnostikunternehmen liegt die Marktchance in einer klaren klinischen Lücke: Ein verlässlicher Ausschlusstest könnte Antibiotikaverbrauch, Liegezeiten und invasive Untersuchungen senken. Entscheidend werden neben der Genauigkeit die Ergebniszeit, der Blutbedarf, die Automatisierung, regulatorische Nachweise und die Kosten pro Test sein.

Einordnung: Die Marker-Kombination ist ein überzeugender Machbarkeitsnachweis, aber noch kein marktreifes Diagnostikum. Erst die multizentrische Validierung wird zeigen, ob die Leistung über unterschiedliche Kliniken, Erreger und Patientengruppen stabil bleibt und daraus ein belastbares Geschäftsmodell entstehen kann.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

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