Forschung

Gesundheitsclaims auf Lebensmitteln sagen wenig über die Nährwertqualität

Zwei Drittel von knapp 150.000 neuen US-Produkten schneiden schlecht ab, obwohl die Hälfte mit Gesundheitsclaims wirbt.

By Dr. med. Alvar MollikPosted 25. September 2026

Gesundheitsbezogene Angaben auf Lebensmittelverpackungen sind ein schwacher Hinweis auf die tatsächliche Nährwertqualität. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie unter Leitung von Miguel Gómez und Pei Zhou von der Cornell University. Von knapp 150.000 Lebensmitteln und Getränken, die in den vergangenen zehn Jahren in den USA neu auf den Markt kamen, stuften die Autoren zwei Drittel als nicht ausreichend gesund ein, obwohl die Hälfte mit Gesundheitsclaims warb. Die Angaben sind aus dem Englischen übersetzt.

Als Maßstab diente das Nutrient Profiling Model der britischen Lebensmittelbehörde. Es vergibt Minuspunkte für Zucker, Natrium, gesättigte Fette und Kalorien und Pluspunkte für Ballaststoffe, Eiweiß sowie Obst- und Gemüseanteil. Die Produktdaten stammen aus einer Marktforschungsdatenbank. Der Anstoß kam aus dem Supermarkt: Gómez wunderte sich über einen Frischkäse mit weniger Fett, der dafür mehr Zucker und Natrium enthielt als die Standardsorte.

Solche Zielkonflikte sind laut Studie verbreitet. Wer eine Zutat reduziert, gleicht den Geschmack oft mit einer anderen aus: Als natriumarm beworbene Limonaden enthalten mehr Zucker, Produkte mit Hinweis auf reduzierte Transfette mehr gesättigtes Fett. Am größten waren die Abstände zwischen Claim und Qualität bei Getränken, etwa bei „natriumarm“ oder „zuckerfrei“. Bei Lebensmitteln spiegelten die meisten Angaben dagegen tatsächliche Verbesserungen wider; Ausnahme waren die Transfett-Claims. Begriffe wie „natürlich“ erzeugen nur einen Heiligenschein: Für „natural“ gibt es in den USA keine behördliche Definition.

Die Forscher empfehlen, Einzelangaben durch ein Gesamtprofil auf der Packungsvorderseite zu ersetzen, wie es Chile und Mexiko mit Warnhinweisen praktizieren. Für Verbraucher gilt vorerst: Die Angabe vorn ist ein Hinweis, kein Urteil; die Nährwerttabelle auf der Rückseite liefert das vollständigere Bild. In den USA gibt es für „healthy“ eine FDA-Definition, und die Behörde hat im Januar 2025 eine Regel zur Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite vorgeschlagen.

Einordnung: Die Studie liefert Argumente für die Debatte über Frontkennzeichnung und zeigt, dass Werbeaussagen allein kein verlässliches Qualitätssignal sind. Für Anbieter von Ernährungs-Apps und Scannern spricht das für Bewertungen über das Gesamtprofil statt über Einzelclaims; für Ärztinnen und Ärzte, dass Patienten sich bei der Ernährung nicht auf die Packungsvorderseite verlassen sollten. Ob strengere Kennzeichnung das Kaufverhalten verändert, zeigt die Studie nicht: Sie beschreibt das Angebot, nicht die Nachfrage.

Dr. med. Alvar Mollik

Dr. med. Alvar Mollik

Medizin

Dr. med. Alvar Mollik ist HNO-Facharzt, Gründer von Mindful Doctor und Herausgeber des Buches „Mindful Doctor“. Bei MIDO Health schreibt er über Medizin, Versorgung und die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte in einem sich wandelnden System gesund führen können.

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