Essstörungen nehmen weltweit zu, während GLP-1-Medikamente zur Gewichtsreduktion immer breiter eingesetzt werden. Neue Studien belegen noch keinen ursächlichen Zusammenhang, zeigen aber ein relevantes Sicherheitsproblem: Bei Menschen mit bestehenden oder früheren Essstörungen können Appetithemmung und schneller Gewichtsverlust restriktives Verhalten verstärken.
Eine aktuelle Analyse der globalen Krankheitslast schätzt, dass 2023 rund 18,1 Millionen Menschen mit Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa lebten. Das waren 71 Prozent mehr Fälle als 1990. Altersbereinigt stieg die Prävalenz um 20,6 Prozent; Bevölkerungswachstum erklärt den Zuwachs also nur teilweise. Rund 41 Prozent der Betroffenen waren zwischen 10 und 24 Jahre alt.
Die beiden Erkrankungen verursachten 2023 zusammen geschätzt 3,83 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre. Bis 2050 könnte die Zahl der Betroffenen auf 21,8 Millionen steigen. Die Modellrechnung umfasst allerdings weder Binge-Eating-Störung noch andere Essstörungen und kann nicht bestimmen, welcher Anteil des Anstiegs auf veränderte Diagnostik, gesellschaftliche Faktoren oder tatsächliche Erkrankungszunahmen entfällt.
Parallel liefert eine US-Querschnittsstudie erste Daten zur Nutzung von GLP-1-Rezeptoragonisten bei Essstörungen. Von 436 qualitätsgeprüften Teilnehmenden berichteten 32,1 Prozent eine frühere oder aktuelle Anwendung, 22 Prozent nutzten die Mittel zum Befragungszeitpunkt. 10,1 Prozent gaben einen Fehlgebrauch an, knapp 10 Prozent hatten Rezepturen aus Apotheken verwendet.
Diese Werte dürfen nicht auf alle Betroffenen übertragen werden: Die Stichprobe wurde nicht zufällig gezogen, beruhte auf Selbstauskünften und erfasste keine zeitliche Ursache-Wirkungs-Beziehung. Zugleich gibt es derzeit keine zugelassene Indikation für GLP-1-Mittel zur Behandlung einer Essstörung. Bei Binge-Eating-Störungen wird ein möglicher Nutzen untersucht, die Datenbasis ist jedoch klein und die Langzeitsicherheit ungeklärt.
Ein Konsenspapier von 45 Fachleuten empfiehlt deshalb, vor jeder GLP-1-Verordnung mit drei bis fünf validierten Fragen nach aktuellen und früheren Essstörungen sowie Risikofaktoren zu suchen. Bei positivem Screening sollen Fachabklärung, Aufklärung und engere Kontrollen folgen. Bei aktiver Anorexie, atypischer Anorexie oder Bulimie mit starker Nahrungsrestriktion sollten die Medikamente in der Regel vermieden werden.
Für die Praxis: Kontrollen sollten Gewichtsverlust, Nahrungsaufnahme, Hunger- und Sättigungswahrnehmung, Kreislaufwerte, Stimmung und Lebensqualität umfassen. Warnzeichen sind unerwartet schneller Gewichtsverlust, zunehmende Restriktion, kompensatorisches Verhalten und eine starke gedankliche Fixierung auf Gewicht oder Essen.
Einordnung
Das Problem ist nicht die Wirkstoffklasse an sich, sondern eine Verschreibung ohne psychiatrische Risikoprüfung und Verlaufskontrolle. Telemedizinische Anbieter und digitale Adipositasprogramme müssen Essstörungs-Screening deshalb ebenso verbindlich abbilden wie klassische Praxen.











